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10.09.2008 Allergie auf Nahrungsmittel: überschätzt und doch lebensgefährlic


Erfurt, 10. September 2008 ­ Die Häufigkeit von Allergien auf Nahrungsmittel wird überschätzt. Sehr viele Bundesbürger glauben, allergisch auf bestimmte Lebensmittel oder Zusatzstoffe zu reagieren. Tatsächlich leiden aber nur etwa zwei bis drei Prozent der Erwachsenen und vier Prozent der Kinder an einer echten Nahrungsmittel-Allergie(1) . Unterschätzt wird jedoch die Gefahr dieser Erkrankung. Die Betroffenen müssen akribisch darauf achten, die für sie relevanten Allergieauslöser zu meiden. Dennoch kann es, beispielsweise durch mangelhafte Deklaration von Lebensmitteln, zu einem unbeabsichtigten Verzehr des Allergens kommen, der tödlich enden kann.

Einen tragischen Fall berichtete Professor Dr. Thomas Fuchs, Tagungspräsident des 3. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongresses am 10. September 2008 in Erfurt: Ein Müsliriegel in einer unbeschrifteten Zellophanfolie war im Frühling 2006 einer 14-jährigen Schülerin zum Verhängnis geworden. Das Mädchen litt an einer bekannten Erdnussallergie. Es verzehrte in der Schulpause unglücklicherweise den mit Erdnüssen hergestellten Riegel, dem ein entsprechender Aufdruck fehlte. Auf dem Schulhof erlitt das Mädchen einen schweren Asthmaanfall und wurde bewusstlos. Der hinzu gerufene Notarzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. Der Müsliriegel war ursprünglich in einer vorschriftsmäßig gekennzeichneten, größeren Verpackung enthalten gewesen.

Gefährdete Personen müssen Medikamente und Anaphylaxie-Pass bei sich tragen
Der lebensbedrohliche anaphylaktische Schock ist die schwerste Komplikation bei Nahrungsmittel-Allergien. Er steht am Ende einer rasch verlaufenden, krankhaften Reaktion des Immunsystems, bei der spezielle Antikörper (Immunglobuline vom Typ IgE) eine überschießende Freisetzung von Botenstoffen durch Zellen des Immunsystems auslösen. "Eine anaphylaktische Überempfindlichkeitsreaktion setzt verschiedene Abläufe in Gang, die zu schwerer Atemnot oder über die Weitstellung der Blutgefäße und dem Austritt von Flüssigkeit in das umliegende Gewebe zu einem raschen Blutdruckabfall führen können. Dadurch werden Organe nicht mehr ausreichend durchblutet. Die Folge kann der Ausfall ihrer Funktion und der Tod sein", warnte der Allergologe Fuchs auf dem Allergie-Kongress in Erfurt.
Menschen mit einer schweren Nahrungsmittel-Allergie müssen stets Notfallmedikamente bei sich tragen. Hilfestellung im Notfall bietet auch ein Anaphylaxie-Pass, den das Präventions- und Informationsnetzwerk Allergie/Asthma (pina) in Zusammenarbeit mit den allergologischen Fachgesellschaften und dem Deutschen Allergie- und Asthmabund e. V. (DAAB) entwickelte. Der Anaphylaxie-Pass bietet kurz gefasste Informationen und Handlungsanweisungen für den Ernstfall.

Unseriöse Testverfahren wie IgG-Tests verlängern oft das Leiden
Die Suche nach den Auslösern einer Nahrungsmittel-Allergie ist häufig schwierig und erfordert oftmals richtige Detektivarbeit. Der allergologisch ausgebildete Facharzt kann aber anhand einer ausführlichen Krankengeschichte, Hauttests, der Bestimmung von IgE-Antikörpern und spezialisierten Labortests mögliche Auslöser ermitteln. Mit Hilfe von Provokationstests oder einer zeitlich begrenzten diagnostischen Diät kann der Allergologe seine Diagnose absichern. Positive Ergebnisse der Haut- und Labortests sind dann klinisch relevant, wenn sie mit den Beschwerden korrespondieren, wenn also tatsächlich Symptome nach dem Genuss des positiv getesteten Lebensmittels auftreten.(2) Als mögliche Auslöser der Beschwerden muss der Arzt dabei auch nicht-allergische Unverträglichkeitsreaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel ohne immunologische Ursache in Betracht ziehen. Dazu gehören Verwertungsstörungen von Kohlenhydraten wie Milchzucker, Fruktose oder Sorbit sowie die Unverträglichkeit von Gluten (Zöliakie) aus Getreide oder Histamin und andere biogene Amine aus beispielsweise Rotwein, Käse, Salami und Fisch oder Glutamat (chinesische Küche).
"Der Leidensdruck der Patienten ist oft sehr hoch. Das machen sich Firmen zu nutze, die in den letzten Jahren zunehmend Werbung für unseriöse Tests auf IgG-Antikörper zum Nachweis von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten machen", erklärte Fuchs. Die deutschsprachigen Allergologenverbände warnen davor, sich auf die Ergebnisse dieser ­ von den Krankenkassen meist nicht erstatteten ­ Tests auf IgG oder IgG4 zu verlassen: "Im Gegensatz zur Untersuchung von spezifischen IgE-Antikörpern lassen sich mit IgG-Tests keine Allergieauslöser nachweisen", betonte Fuchs auf dem Allergie-Kongress in Erfurt. Die Produktion von IgG-Antikörpern gegenüber Nahrungsmittelproteinen gehört zur normalen Immunantwort und ist kein Zeichen für eine Krankheit.(2) So sind bei jemanden, der viel Milch trinkt, ganz natürlich auch viele spezifische IgG-Antikörper gegen Milch im Blut nachweisbar und ein IgG-Test fällt positiv aus.

Nahrungsmittel nicht ohne ärztlichen Rat einfach weglassen 
Das Vertrauen auf die IgG-Testergebnisse und die damit verbundene Empfehlung, angeblich eine Allergie oder Unverträglichkeit auslösende Nahrungsmittel zu meiden, kann das Leiden der Betroffenen verlängern. Professor Dr. Thomas Fuchs schilderte den Fall einer vierzigjährigen Patientin, die zwanzig Jahre lang immer wieder an chronischer Nesselsucht (Urtikaria) mit juckenden Hautausschlägen litt. Sie ließ ohne einen Facharzt zu konsultieren zunächst auf eigene Kosten einen IgG-Test machen mit dem Ergebnis, dass angeblich eine Allergie auf 44 verschiedene Lebensmittel vorliegen sollte. Die unseriöse Empfehlung lautete: Auf alle positiv getesteten Lebensmittel, beispielsweise Milch, Käse, Joghurt, Hühnereier, Zucker, Hefeprodukte und diverse Gemüse und Früchte wie Erbsen, Bohnen, Radieschen, Nektarinen, Ananas und Papaya streng verzichten. Eine Besserung brachte diese einseitige Diät nicht. 
Erst in der Universitäts-Hautklinik Göttingen wurde die Ursache der Nesselsucht entdeckt. "Wir stellten bei der Patientin eine Allergie auf Blütenpollen und damit verbunden eine Kreuzallergie auf Nüsse, Kernobst und bestimmte Gewürze fest. Die Hautprobleme hatten ihre Ursache in der Kreuzallergie. Eine Allergie oder Unverträglichkeit hervorgerufen durch eines der Nahrungsmitteln, die im IgG-Test positiv waren, bestand dagegen eindeutig nicht", schilderte der Allergologe und Hautarzt Fuchs das Untersuchungsergebnis. "Die Patientin hätte sich viel Leid und auch Geld erspart, wenn sie früher einen auf Allergien spezialisierten Arzt aufgesucht hätte."
Fuchs warnt dringend vor einseitigen Diäten aufgrund von Tests, die für die Diagnose von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten ungeeignet sind. Durch das Weglassen verschiedener Nahrungsmittel besteht die Gefahr einer Mangelernährung. "Liegt tatsächlich eine Allergie vor, gehören die therapeutische Ernährungsumstellung und die Aufklärung des Patienten über Maßnahmen zum Meiden einer Mangelernährung in die Hand eines Allergologen und eines allergologischen Ernährungsberaters." Die Problematik der IgG-Tests ist auch Thema eines Treffens von Allergologen mit dem Deutschen Allergie- und Asthmabund e. V., der großen Patientenorganisation, am 10. September 2008 um 13 Uhr in Erfurt. 

  1. Weißbuch Allergie in Deutschland, 2. Auflage. DGAKI, ÄDA, DAAU (Ring J, Fuchs T, Schultze-Werninghaus G, Hrsg.), Urban und Vogel, München 2004.
  2. Kleine-Tebbe J, Lepp U, Niggemann B, Werfel T: Nahrungsmittelallergie und ­unverträglichkeit: Bewährte statt nicht evaluierte Diagnostik. Deutsches Ärzte-blatt 2005;102(27):A1965-9


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