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29.07.2002 Schon während der Schwangerschaft Allergierisiko von Kindern senken


Laktobazillen können Neurodermitis-Risiko verringern
Sie hat Heuschnupfen, er litt in seiner Kindheit an Neurodermitis. Sie haben geheiratet und wünschen sich ein Kind. Können sie etwas tun, um ihrem Kind die Allergiekarriere zu ersparen? "Uns sind inzwischen einige Maßnahmen bekannt, mit denen das Risiko familiär belasteter Kinder gesenkt werden kann", berichtet die Erfurter Hautärztin Privatdozentin Dr. Kirsten Jung vom Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA). "Dazu gehört das Stillen über sechs Monate oder eine allergenarme Ersatznahrung und - ganz wichtig - die Vermeidung von Tabakrauch, auch schon in der Schwangerschaft."

Jung, die sich auch auf die Fächer Immunologie und Umweltmedizin spezialisiert hat, berichtet außerdem, dass auch die vorsorgliche Einnahme eines Präparates mit Laktobazillen das Auftreten einer Neurodermitis bei Kindern verhindern kann. Neurodermitis, auch atopisches Ekzem genannt, ist eine Hauterkrankung, bei der oft unerträglicher Juckreiz auftritt - erhebliche Konzentrations- und Schlafstörungen sind häufig die Folge. Ist ein Kind an Neurodermitis erkrankt, leidet oft auch das Familienleben.

Risikofaktoren für Neurodermitis spielen offenbar schon vor der Geburt eine Rolle. Eine aktuelle Studie (1) der Universität Aberdeen, Schottland, kam zu dem Ergebnis, dass Allergieerkrankungen der Eltern, die Ernährung und die Rauchgewohnheiten der Mutter bereits während der Schwangerschaft das Allergierisiko ungeborener Kinder beeinflussen. Wichtig scheint auch zu sein, ob Geschwister vorhanden sind oder nicht. Außerdem können zum Beispiel Hausstaubmilben-Allergene bereits während der Schwangerschaft in das embryonale Blut gelangen und in Familien, in denen bereits Allergien aufgetreten sind, schon beim ungeborenen Kind die Entwicklung eines überempfindlichen Immunsystems bewirken.

Doch auch Schutzmaßnahmen scheinen bereits vor der Geburt wirksam zu werden: Eine finnische Studie (2) aus dem Jahre 2001 hat gezeigt, dass das Neurodermitis-Risiko von Säuglingen mit familiärer Allergiebelastung durch die Einnahme von Laktobazillen halbiert wird. In die Studie wurden über 100 Mütter mit Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis eingeschlossen. Sie nahmen im letzten Schwangerschaftsmonat ein Präparat mit dem Milchsäurebakterium Lactobacillus GG. Die Kinder erhielten ebenfalls Laktobazillen von der Geburt bis zum sechsten Lebensmonat. Im Alter von zwei Jahren wurde bei 23 Prozent der mit Laktobazillen behandelten Kinder eine Neurodermitis diagnostiziert, während in der Kontrollgruppe zu diesem Zeitpunkt schon 46 Prozent erkrankt waren. Somit hatte die Einnahme der Bakterien bei etwa jedem fünften Risikokind eine Neurodermitis verhindert. An der Universität Frankfurt wird nun unter der Leitung von Professor Dr. Stefan Zielen geprüft, ob der Allergieschutz durch Laktobazillen auch gegen Asthma wirksam ist.

Wer jetzt zum Joghurtbecher mit probiotischen Kulturen greift, wird jedoch kaum Erfolg haben. "Die paar Bakterien im Bio-Joghurt können gegen die bereits im Darm lebende Übermacht an Keimen nichts ausrichten", erklärt Jung. Der Erfolg der medizinischen Therapie mit Laktobazillen scheint darin zu liegen, dass der noch weitgehend unbesiedelte Darm der Säuglinge mit den Bakterien regelrecht geimpft wird, was eine Stärkung des Immunsystems zur Folge hat. Die Ergebnisse der finnischen Studie stimmen mit der Hygiene-Hypothese überein, die von Allergologen schon seit längerem diskutiert wird: Der frühe Kontakt von Kindern mit Bakterien oder mit Bakterienprodukten - wie es zum Beispiel auch auf Bauernhöfen häufig der Fall ist - scheint Kinder vor Allergien zu schützen.

  • Devereux, G., Barker, R.N., Seaton, A.: Antenatal determinants of neonatal immune responses to allergens. 
     Clin Exp All 32:43-50, 2002.
  • Kaliomäki et al.: Probiotics in primary prevention of atopic disease: a randomised placebo-controlled trail. 
     Lancet 357:1076-79, 2001.

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