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06.07.2001 Allergien: Mängel in Diagnostik und Therapie


Der vernachlässigte Patient
Den Begriff Allergie nehmen wir heute wie selbstverständlich in den Mund. Er geht Arzt und Patient leicht über die Lippen. Vielfach aber wird die Bedeutung von Allergien für die Betroffenen sowohl in der Bevölkerung als auch in medizinischen Fachkreisen falsch interpretiert und eingeschätzt. Im Allgemeinen werden allergische Erkrankungen bagatellisiert. Vielleicht liegt es ja daran, dass über achtzig Millionen Europäer und etwa jeder vierte Deutsche Allergiker sind. Dann kann es ja nicht so schlimm sein: Allergien sind "Wehwehchen" wie Schnupfen, etwas ganz Alltägliches eben. Trotz umfangreicher Aufklärungsbemühungen in den letzten Jahren hat sich an der Bagatellisierung von Allergien wenig geändert. Der Leidtragende war und ist der Patient. Dies ist das ernüchternde Ergebnis der bisher umfangreichsten Allergie-Studie: "Allergy, Living & Learning". Diese qualifizierte Befragung von 7000 Patienten aus zehn Ländern Europas wurde im Mai 2001 in Berlin anlässlich eines europäischen Allergie-Kongresses und des Welt-Allergie-Tages vorgestellt.

Defizite in der Diagnostik
Ziel der Studie war es, Angaben zur Lebensqualität und zum Krankheitsverlauf bei Allergiekranken zu erhalten sowie die typischen Belastungen und krankheitsspezifischen Lebensumstände zu beschreiben. Unter fachlicher Beratung der European Association of Asthma and Allergy (EFA) und Überwachung durch ein Advisory Board europäischer Allergiespezialisten, dem von deutscher Seite Professor Karl-Christian Bergmann, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI) aus Bad Lippspringe, angehörte, wurden für die Studie 7.065 allergiekranke Menschen aus über 75.343 repräsentativ ausgewählten Haushalten befragt. Allein aus Deutschland nahmen 1001 Personen an der Studie teil. Davon hatten 82,3 Prozent Heuschnupfen und 27,5 Prozent Asthma. 31,7 Prozent gaben zusätzlich eine Hautallergie und 22 Prozent eine Nahrungsmittelallergie an. Als Hauptallergene wurden Pollen (85,9 Prozent) und Hausstaubmilben (38,3 Prozent) genannt. Erstaunlich hoch war auch die Zahl der Tierhaarallergiker: Insgesamt 55,2 Prozent reagierten nach eigenen Angaben auf Katzen, Hunde oder andere Tiere allergisch. Auf den ersten Blick erfreulich ist, dass bei 93,5 Prozent der befragten deutschen Allergiker die Erkrankung durch eine ärztliche Diagnose gesichert wurde, etwa bei der Hälfte sogar durch einen Spezialisten. Die Anzahl der nicht ärztlich diagnostizierten Allergien lag bei 6,5 Prozent. Unverständlich ist aber, dass offensichtlich bei 15 bis 21 Prozent der Studienteilnehmer keine allergenspezifische Diagnostik wie Hauttest, Bluttest oder Provokationstest durchgeführt wurde. Professor Bergmann hält diese Zahl, gemessen am hohen Anteil ärztlicher Diagnosen, für nicht akzeptabel: "In all diesen Fällen kann eine rational begründete Empfehlung zu präventiven Maßnahmen nicht gegeben werden."

Falsche Schwerpunkte in der Therapie
In diesem Zusammenhang sind auch die angewendeten Behandlungsstrategien interessant. 82,4 Prozent der Befragten nahmen zur Therapie ihrer Allergie Medikamente ein, 71,9 Prozent davon lediglich nach Bedarf. Das bedeutet, dass mehr als zwei Drittel der Befragten nur bedarfsweise die allergischen Symptome mit Tropfen und Sprays, nicht aber die Ursache ihrer Erkrankung behandeln und damit Gefahr laufen, dass sich weitere Allergien oder Asthma entwickeln. 13,7 Prozent verwenden gar Methoden der Alternativmedizin. Lediglich 16,5 Prozent der Allergiekranken hatten eine spezifische Immuntherapie, die einzige von der WHO anerkannte kausale Behandlungsmethode gegen Allergien, erhalten. Ein Grund für die Zurückhaltung von Ärzten und Patienten gegenüber der wirksamen Immuntherapie mag darin liegen, dass 47,9 Prozent der Befragten mit der einfachen Symptomlinderung durch ihre Medikamente zufrieden, 12,1 Prozent sogar sehr zufrieden waren. Diese Zufriedenheit ist erstaunlich, da gleichzeitig 92 Prozent der Studienteilnehmer weiter unter ihren Beschwerden litten. Professor Bergmann ist überzeugt, dass nur eine verstärkte Aufklärung von Patienten und Ärzten über die Notwendigkeit einer konsequenten antientzündlichen bzw. kausalen Therapie hier einen Umdenkungsprozess einleiten kann. "Alle zwei Stunden stirbt in Deutschland ein Mensch an Asthma. Dagegen muss etwas getan werden. Präventive und allergiespezifische Maßnahmen wie das Meiden der Allergene und eine spezifische Immuntherapie mit modernen, molekular standardisierten Präparaten, die das Fortschreiten allergischer Atemwegsentzündungen verhindern können, werden einfach in viel zu geringem Umfang angewendet", fasst Professor Bergmann die Mängel in der Allergietherapie zusammen.

Lebensqualität deutlich eingeschränkt
Im Gegensatz zu den subjektiven und objektiven Tendenzen zur Bagatellisierung von allergischen Erkrankungen stehen die von den Befragten geschilderten Einschränkungen im täglichen Leben. 92 Prozent der Studienteilnehmer in Deutschland litten unter ihren Beschwerden, über 60 Prozent waren in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt, 22,4 Prozent sogar stark oder schwer. Jeder fünfte Befragte verzichtete wegen seiner Allergie auf anstrengende Freizeitbeschäftigungen wie Sport, fast genauso viele haben selbst gemäßigte Aktivitäten wie Gartenarbeit gemieden. Gar jeder Dritte fühlte sich beim Aufenthalt im Freien beeinträchtigt. Auch psychische Befindlichkeitsstörungen machten den Befragten Probleme. Über 40 Prozent sorgte sich wegen ihres Gesundheitszustandes oder fühlte sich als Allergiker einfach unattraktiv. Ebenfalls über 40 Prozent berichteten über eine eingeschränkte Motivation und Leistung im Beruf.

Aufklärung dringend erforderlich
Die aktuelle Studie "Allergy, Living & Learning", deren Befragung im April 2000 abgeschlossen wurde, verdeutlicht akute Mängel in der Diagnostik und Therapie allergiekranker Menschen in Deutschland. Eine Verbesserung der Lebensqualität ließe sich durch eine Optimierung der Allergiebehandlung im Sinne einer konsequenten antientzündlichen Therapie erreichen. Dies sei machbar, so die Autoren, denn heute müsse kein Atemwegsallergiker mehr unter seiner Allergie leiden, wenn er richtig behandelt wird. Deshalb sei ein stärkerer Einsatz von kausalen, allergiespezifischen Behandlungsmethoden wie die spezifische Immuntherapie bei allergischer Rhinitis und Asthma sinnvoll und wünschenswert, insbesondere auch um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Zusätzlich zur Verbesserung von Diagnostik und Therapie sollte die Aufklärung der Öffentlichkeit über allergische Krankheitsbilder intensiviert werden. "Viel zu wenige sind über allergische Symptome und die Risiken einer unzureichenden Behandlung bei Allergien und Asthma informiert", konnte auch Professor Thomas Fuchs, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA) aus Göttingen, feststellen. "Rund 50 Prozent aller Allergiker in Deutschland wissen gar nicht, dass sie an einer Allergie erkrankt sind und auch von denen, die sich ihrer Erkrankung bewusst sind, sucht nur ein geringer Prozentsatz einen allergologisch ausgebildeten Facharzt auf."

  • Bergmann, K.-Ch.: Pressegespräch "Der vernachlässigte Allergiepatient - Neue Daten zur Situation von Atemwegsallergien in Deutschland. 
  • Ergebnisse der Allergy Living & Learning Studie.
    11. Mai 2001 anlässlich des EAACI-Kongresses in Berlin.

Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.

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