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06.07.2001 Allergie auf Insektengifte


Insekten sind für Deutsche gefährlicher als Schlangen
Bis zu vier Prozent der Deutschen, das sind 3,3 Millionen Bundesbürger, sind von einer Insektengift-Allergie betroffen. Sie teilen ihr Schicksal mit Prominenten wie Britney Spears, Antonio Banderas oder George Bush senior, die ebenfalls an einer Allergie auf Insektengifte leiden sollen. Mehr als 3.000 Insektengift-Allergiker müssen pro Jahr von einem Notarzt versorgt werden. Während in Deutschland nach Schätzung des Giftnotrufs München nur maximal fünf Menschen jährlich an Schlangenbissen sterben, verzeichnete das Statistische Bundesamt im Jahr 1999 insgesamt 21 Todesfälle durch Insektenstiche. Die Dunkelziffer liegt jedoch weit höher: "So mancher Todesfall durch einen Insektenstich wird nicht richtig zugeordnet und fälschlich anderen Ursachen zugerechnet", so die Einschätzung des Münchner Professors Bernhard Przybilla von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI).

Aus Angst vor einem Insektenstich versuchen viele Menschen, Bienen oder Wespen mit schlagenden Bewegungen zu vertreiben. Doch gerade dadurch können sich Insekten bedroht fühlen und zustechen. Ein Anschwellen der Einstichstelle und ein unangenehmer Juckreiz oder schmerzhaftes Brennen sind die Folgen, die in der Regel nach wenigen Tagen abklingen. Für normal empfindliche Menschen sind lediglich Stiche im Mundbereich bedrohlich, da Schwellungen im Rachen zum Tod durch Ersticken führen können.

Für Menschen, die gegen Substanzen im Gift der Insekten allergisch sind, kann jedoch jeder Stich einer Wespe oder Biene lebensgefährlich sein. Nach einem Stich reagieren sie innerhalb weniger Minuten mit Hautausschlag, Schweißausbrüchen, Atemnot, Schwindel, Zittern, Übelkeit oder Erbrechen. Schlimmstenfalls kann es zu einem anaphylaktischen Schock mit Bewusstlosigkeit und Atem- bzw. Kreislaufstillstand kommen. Ohne sofortige ärztliche Behandlung kann dieser Allergieschock tödlich enden. Daher sollte nach heftigen allergischen Reaktionen bei einem Insektenstich sofort ein Notarzt gerufen werden.

Insektengift-Allergiker leiden unter einer Überempfindlichkeit des Immunsystems gegen Insektengifte. Ein früherer Stich im Leben macht sie empfindlich: Angeregt durch das dabei eingedrungene Gift, produziert das Immunsystem spezifische Immunglobulin-E-Antikörper. Die IgE-Antikörper heften sich an bestimmte Zellen, die so genannten Mastzellen im Gewebe sowie an Zellen im Blut. Der Körper ist nun sensibilisiert, allergische Reaktionen bleiben aber noch aus. Kommt es zu einem weiteren Stich, bindet sich das Allergen aus dem Insektengift an die IgE-Antikörper. Dadurch werden die Zellen veranlasst, entzündungsfördernde Substanzen auszuschütten. Die wichtigste hiervon ist Histamin. Es wird über den ganzen Körper verteilt und löst die Symptome der allergischen Reaktionen, von Juckreiz bis hin zum allergischen Schock, aus.

Menschen, die bereits schwere allergische Reaktionen nach einem Stich erlitten haben, müssen sich in Acht nehmen. Ein weiterer Stich kann lebensgefährlich sein. Der Biologe Volker Mauss warnt: "Besonders in Freibädern werden Bienen und insbesondere Wespen nicht nur durch Süßes angelockt, sondern sie tummeln sich auch an Müllkörben und im Kleerasen. Deswegen sollte man beim Barfußlaufen vorsichtig sein. In Biergärten sollte man unbedingt sein Glas abdecken, da Wespen durch süße Getränke und Biergeruch angelockt werden und unbemerkt ins Glas fallen können." Zur Sicherheit sollte jeder Insektengift-Allergiker in den Sommermonaten ein Notfallset bei sich tragen. Das Notfallset enthält ein Antihistaminikum, ein Kortisonpräparat und Adrenalin in Form eines Sprays.

Während die Akutversorgung in Deutschland einheitlich geregelt ist - aber leider oft so nicht gehandhabt wird -, kritisiert Professor Johannes Ring, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie, vor allem die Notfallnachsorge. So wurde laut einer Studie an der TU München nur ein geringer Teil der Patienten nach der ersten Notfallbehandlung gezielt zur Diagnose und Therapie an einen Allergologen überwiesen. "Nicht zu verantworten", findet dies Professor Przybilla, "denn diese Patienten leben dann mit dem Risiko einer lebensbedrohlichen allergischen Reaktion durch einen Insektenstich".

Der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) und die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI) raten bei Verdacht auf Insektengift-Allergie unbedingt einen allergologisch geschulten Facharzt aufzusuchen. Dieser kann durch eine sorgfältige Analyse der Vorgeschichte, Hauttests und die Bestimmung der IgE-Antikörper im Blut feststellen, ob eine Insektengift-Allergie vorliegt. In diesem Fall wird der Arzt den Allergiker ausführlich über Schutz- und Therapiemaßnahmen beraten. Traten schon schwere allergische Reaktionen nach einem Insektenstich auf, wird dringend eine spezifische Immuntherapie (Allergie-Impfung) empfohlen. Bei dieser Therapie wird das Immunsystem des Patienten durch regelmäßige Injektionen kleiner Mengen des Insektengiftes an die allergieauslösende Substanz gewöhnt. Die Immuntherapie mit modernen, molekular standardisierten Präparaten kann Patienten schon nach kurzer Dauer gegen das Insektengift unempfindlich machen. Die Behandlung dauert in der Regel drei bis fünf Jahre und ihre Erfolgsrate liegt bei nahezu 100 Prozent. 

Bei Personen mit besonderen Risikofaktoren, wie z. B. Asthma oder Herz-/Kreislaufkrankheiten, muss die Allergie-Impfung länger angewandt werden. Leiden Patienten an Mastozytose - eine Hautkrankheit, die nicht immer mit dem bloßen Auge erkennbar ist - empfiehlt Professor Przybilla sogar eine lebenslange Immuntherapie, um einen sicheren und langfristigen Schutz vor lebensgefährlichen allergischen Reaktionen zu erhalten. "Leider", so die ernüchternde Bilanz von Professor Przybilla, "werden noch immer viel zu wenige Immuntherapien durchgeführt".

 

  • Bresser, H. et al.: Insektenstichnotfälle in München 1992.
     Allergo Journal 7:373-376, 1995.
  • Przybilla, B.: Ziehen Sie Killerbienen den Stachel! 
     MMW-Fortschr. Med. 20:41-44, 2001.
  • Ruëff, F. et al.: Diagnose und Therapie der Bienen- und Wespengiftallergie.
    Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Allergolgoie und klinische Immunologie.
    Allergo Journal 8:458-472, 2000.

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