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28.09.2005 Hilfe! Schnecken in meinem Essen


Zuerst sollte man die Tiere einige Tage hungern lassen, damit sich der Darm vollständig entleert. Anschließend muss man sie gründlich waschen, in kochendes Wasser werfen und fünf Minuten blanchieren. Feinschmecker genießen Schnecken dann gerne mit Baguette und Knoblauchbutter oder im Weißweinsud. Sie loben das angenehm feste Fleisch, das in seiner Konsistenz an Herz oder Leber erinnert, und verweisen auf den hohen Proteingehalt.

Was Milben und Schnecken gemeinsam haben
Viele andere Menschen finden dagegen schon die Vorstellung, Schnecken zu essen ziemlich eklig und machen um "Weinbergschnecken auf Burgunder Art" oder "Rindslende mit Weinbergschnecken" einen weiten Bogen. Manche Hausstaubmilbenallergiker gehen den Tieren aus einem anderen Grund aus dem Weg, zumindest auf ihrem Teller. Sie bekommen nach dem Genuss von Schnecken, speziell von Helix aspera, einer Weinbergschnecken-Art, Schnupfen, Juckreiz und Luftnot. Sogar ein lebensgefährlicher allergischer Schock ist nicht ausgeschlossen. Ursache der Beschwerden: Helix aspera und Hausstaubmilben haben mehr gemeinsam als man denkt. Bestimmte Eiweißstrukturen im Milbenkot und in den Schnecken sind sich sehr ähnlich.(1) Dadurch kann es zu so genannten Kreuzallergien kommen, das heißt, das Immunsystem reagiert sowohl auf Milbenkot als auch auf die Schnecken überempfindlich. Oft betrifft die Kreuzallergie nicht nur Helix aspera, sondern auch andere Schneckenarten, Muscheln und Krebstiere wie Shrimps und Garnelen. Deren Allergene sind ebenfalls mit dem der Hausstaubmilbe verwandt. Die Beschwerden können schon nach dem ersten Verzehr von Weich- oder Krebstieren auftreten. Weil das Immunsystem bereits auf Hausstaubmilben allergisch "gepolt" ist, muss es die Allergene der Weich- und Schalentiere nicht erst kennen lernen, um gegen sie zu reagieren.

Bratwurst-Liebhaber aufgepasst
Wer jetzt hämisch auf die dekadenten Gourmets zeigt, sollte vorsichtig sein. Auch für die Bratwurst-Fraktion unter den Allergikern gibt es Neuigkeiten. Spanische Allergieforscher machten Anfang des Jahres auf das "Senf-Beifuß-Syndrom" aufmerksam.(2) Sie hatten 38 Patienten untersucht, die nach dem Verzehr von Senf allergische Beschwerden entwickelt hatten, und ausgetestet, ob die Studienteilnehmer auch auf andere Substanzen reagierten. Ergebnis: Bei fast allen Studienteilnehmern bestand zusätzlich eine Überempfindlichkeit auf Beifuß-Pollen. Allergien gegen die Pollen von Beifuß sind in Mitteleuropa relativ weit verbreitet, die Kreuzallergie zwischen Beifuß und Senf war bisher aber unbekannt. Man wusste lediglich, dass viele Beifuß-Allergiker Gemüsesorten wie Sellerie, Mohrrüben und Paprika sowie verschiedene Gewürze nicht vertragen.

Zuverlässige Diagnostik nur durch den Experten möglich
Während Überempfindlichkeitsreaktionen gegen Schnecken oder Senf insgesamt selten sind, haben andere Kreuzallergien enorme Bedeutung. Viele Menschen, die auf Pollen früh blühender Bäume wie Birke und Haselnuss allergisch reagieren, bekommen zum Beispiel nach dem Verzehr von Äpfeln oder Nüssen Beschwerden. "Bei den meisten Nahrungsmittelallergien handelt es sich um Kreuzallergien", sagt dazu Professor Dr. Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI). Er empfiehlt Menschen, die bestimmte Lebensmittel nicht vertragen, sich auch von einem allergologisch geschulten Facharzt untersuchen zu lassen. Professor Schultze-Werninghaus: "Nur der Experte kann durch eine gezielte Anamnese und spezielle Untersuchungen eindeutig herausfinden ob eine Allergie vorliegt und wenn ja, gegen welche Substanzen sie sich richtet. Das ist die Voraussetzung, um einen sinnvollen Diätplan aufzustellen, der die gefährlichen Lebensmittel konsequent vermeidet, gleichzeitig aber keinen unnötigen Verzicht verlangt oder gar zu einer Mangelernährung führt." In schweren Fällen sollten Nahrungsmittelallergiker ein Notfallset bei sich tragen, um einen lebensgefährlichen allergischen Schock zu verhindern. Dieses Set enthält ein antiallergisch wirkendes Medikament, ein Kortison-Präparat und eine Fertigspritze mit Adrenalin. "Ein solches Notfallset kann - eine ausreichende Schulung der Patienten vorausgesetzt - Leben retten", so der Allergologe Professor Schultze-Werninghaus.

  1. Martins LM et al.: Int Arch Allergy Immunol 2005; 136: 7-15
  2. Figueroa et al.: Allergy 2005; 60: 48-55

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