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08.05.2008 Erdnuss-Allergie bei Kindern sehr ernst nehmen


Der 15-jährige Oliver W. kam von einem Besuch bei Freunden nach Hause und klagte über Unwohlsein. Seine Mutter dachte an die bei ihrem Sohn vor einigen Jahren festgestellte Erdnussallergie und fragte ihn, ob er Erdnüsse gegessen habe. "Nur ein paar Erdnussflips", war die Antwort. Die Mutter machte sich mit ihrem Sohn unverzüglich auf den Weg in das nur wenige Fahrminuten entfernt liegende nächste Krankenhaus. Oliver erreichte die Klinik nicht mehr lebend und konnte auch im Krankenhaus nicht wiederbelebt werden. Er war während der kurzen Autofahrt an einem Allergieschock (Anaphylaxie) gestorben.

Ein anaphylaktischer Schock entsteht bei Kindern am häufigsten durch Nahrungsmittel. Das zeigte eine Auswertung der Daten des Anaphylaxie-Registers für Deutschland (www.anaphylaxie.net). Besonders gefährlich sind Allergien gegen Erdnüsse. Schon winzige Verunreinigungen von zwei Milligramm können eine allergische Reaktion in Gang setzen, die im schlimmsten Fall tödlich endet. "Eine Sensibilisierung gegen Erdnuss-Allergene lässt sich in Deutschland inzwischen bei jedem zehnten Kind feststellen" sagt der Aachener Kinder- und Jugendarzt und Allergologe Dr. Frank Friedrichs von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). Weil Bestandteile der Erdnuss in die Muttermilch übergehen, können schon Säuglinge eine Überempfindlichkeit entwickeln. Die Erdnuss-Sensibilisierung führt oftmals lebenslang zu Beeinträchtigungen. "Sowohl bei einer aktuellen, aber auch bei einer früher festgestellten Erdnussallergie müssen die Patienten grundsätzlich auf den Konsum von Erdnuss-Produkten verzichten", rät Professor Dr. Thomas Fuchs vom Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA). Abgesehen von der Meidung aller erdnusshaltigen Lebensmittel gibt es für die Betroffenen keine Möglichkeit, einer lebensbedrohlichen Schockreaktion vorzubeugen.(1) Die potenziell lebensbedrohliche, nicht therapier- oder heilbare Allergie auf Erdnüsse mindert erheblich die Lebensqualität betroffener Kinder und Jugendlicher. In einer Studie mit Neun- bis Zehnjährigen wurde für Kinder mit Erdnuss-Allergie eine schlechtere Lebensqualität als für Kinder mit erblicher Zuckerkrankheit (Diabetes Typ 1) festgestellt.(2) "Die Angst vor versehentlichem Verzehr von Allergie auslösenden Nahrungsmitteln begleitet diese Kinder in der Schule und in der Freizeit", so Kinderallergologe Friedrichs. Er kritisiert, dass die Anaphylaxiegefahr bei Kindern unterschätzt oder gar herabgespielt wird: "Selbsthilfegruppen in den USA, England, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland versuchen mühsam, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass ein kleines Stück Kuchen ein Kind mit Nussallergie gefährden kann. Doch sogar in der medizinischen Fachpresse erscheinen Artikel, die diese Bemühungen als Hysterie bezeichnen. Allergiekranke Kinder erfahren in Deutschland bisher bei weitem nicht die ihnen zustehende Aufmerksamkeit."

Eine anaphylaktische Reaktion setzt sehr plötzlich ein und kann innerhalb kurzer Zeit vom Schweregrad 1 (Hautsymptome) zum Grad 4 (Atem- oder Herzstillstand) übergehen.(3) "Daher ist bereits bei leichten Symptomen höchste Vorsicht angezeigt!" warnt Professor Dr. Dr. Johannes Ring von der Haut- und Allergieklinik Biederstein der TU München. "Vor allem Erdnüsse haben ein extrem hohes allergenes Potenzial. Der Körper entwickelt sehr häufig und sehr rasch eine Überempfindlichkeit, und das Immunsystem reagiert auf Erdnüsse oft besonders heftig." Der Münchener Allergologe bemängelt, dass nur etwa ein Drittel der betroffenen Kinder mit Medikamenten für den Notfall ausgestattet sind.

Der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA), die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) und die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA) appellieren gemeinsam an medizinische Kollegen und die Bevölkerung, Allergien bei Kindern sehr ernst zu nehmen und eine umfassende medizinische Versorgung zu gewährleisten. "Die Bagatellisierung muss gestoppt werden!" fordert der Erste Vorsitzender der GPA, Professor Dr. Albrecht Bufe aus Bochum.


  1. Buhl T, Kampmann H, Fuchs T: Tod durch Erdnussallergie nach Konsum eines einzelnverpackten Müsliriegels, gesetzeskonform ohne Deklaration der Inhaltsstoffe. Allergo J 2006;15:572-574.
  2. Avery NJ, King RM, Knight S, Hourihane JO: Assessment of quality of life in children with peanut allergy. Pediatr Allergy Immunol. 2003 Oct;14(5):378-82.
  3. Ring J, Brockow K für die AG Anaphylaxie: Notfälle in der Allergologie: Akuttherapie der Anaphylaxie. Allergologie 2008;31(2):71-76.



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