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10.09.2008 Spezifische Immuntherapie kann Allergien heilen, kommt aber zu selten zum Einsatz


Erfurt, 10. September 2008  Die Behandlung eines allergischen Schnupfens ruht auf drei Säulen: Meiden der Auslöser, medikamentöse Linderung der Beschwerden und Behandlung der Allergieursache durch eine spezifische Immuntherapie (SIT, Hyposensibilisierung). Die ursächliche SIT kann bei bis zu 90 Prozent der Heuschnupfenkranken zu einer jahrelangen Besserung der Beschwerden führen und das Asthmarisiko sowie das Risiko für weitere allergische Sensibilisierungen senken. Die Therapie ist zunächst kostenintensiv. Langfristig macht sie jedoch das Immunsystem wieder toleranter gegenüber den Allergieauslösern. Die Betroffenen benötigen dadurch weniger antiallergische Medikamente. Leider erhalten immer noch viel zu wenige Allergiker eine SIT. Die meisten Patienten bekämpfen ihre Heuschnupfen-Symptome mit Antihistaminika oder Kortisonsprays nur vorübergehend. "Viele Kolleginnen und Kollegen setzen die Immuntherapie nur zögerlich ein. Der Grund: Die Ärzte befürchten Regressbescheide durch Prüfgremien der Kassenärztlichen Vereinigungen, sobald sie ihr Praxisbudget um 25 Prozent überschreiten", erklärte Professor Dr. Wolfgang Czech, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA) auf dem 3. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongress am 10. September 2008 in Erfurt.
 
Spezifische Immuntherapie ist Praxisbesonderheit
Regressängste bezüglich der SIT sollten unbegründet sein, denn die Therapie ist eine Praxisbesonderheit der allergologischen Facharztpraxis. Die Prüfungsausschüsse müssen die Kosten vom Gesamtverordnungsumfang abziehen. Erst dann darf der Ausschuss einen Vergleich mit den durchschnittlichen Verordnungszahlen der Fachgruppe anstellen. ÄDA-Präsident Czech appelliert an seine Kolleginnen und Kollegen, im Sinne des Patienten immer zu prüfen, ob eine SIT indiziert ist: "Die spezifische Immuntherapie kann bei vielen Allergiepatienten nicht nur zu einer langfristigen Symptomreduktion führen, sondern auch Neusensibilisierungen und ein allergisches Asthma bronchiale vermeiden. Für Insektengiftallergiker, die an ihrer Allergie sterben können, ist eine Immuntherapie besonders wichtig. Bei diesen Patienten hilft die Therapie nahezu hundertprozentig." Auch die Gerichte erkennen die SIT als Praxisbesonderheit an. So hat im Falle eines Arzneimittelregresses gegen einen allergologisch tätigen HNO-Arzt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen eine Niederlage vor zwei Gerichten einstecken müssen.(1) Es müssen zuallererst die Kosten erhöhenden Praxisbesonderheiten ­ Immuntherapien mit eingeschlossen ­ genau bestimmt werden, bevor ein Prüfgremium eine Aussage über die Wirtschaftlichkeit der Verordnungsweise des Arztes treffen darf. Auch für KVen, die die SIT nicht automatisch als Praxisbesonderheit anerkennen, gilt es, die verordneten Immuntherapien herauszurechnen. 

Zu wenige Allergiker lassen sich fachärztlich behandeln
Allergische Erkrankungen haben erschreckend zugenommen. Inzwischen sind in westlichen Industrienationen wie in Deutschland 20 bis 25 der Bevölkerung an allergischem Schnupfen, 10 bis 15 Prozent an Asthma bronchiale und etwa 10 Prozent an einem atopischen Ekzem (Neurodermitis) erkrankt. "Angesichts der hohen Erkrankungszahlen sind Einschnitte in der Versorgung von Allergiepatienten unverständlich. Nicht nur im Hinblick auf die Immuntherapie besteht eine Unterversorgung der Patienten, sondern auch in Bezug auf nicht-rezeptpflichtige Antihistaminika, die gesetzliche Krankenkassen bei Betroffenen ab dem 12. Lebensjahr nicht mehr erstatten. Wir kämpfen aktuell zudem noch mit ganz gravierenden Einschränkungen in der Allergiediagnostik", bedauerte der Allergologe Czech. Am Beispiel des Heuschnupfens wird deutlich, wie sehr die öffentliche Einschätzung von der tatsächlichen Bedeutung dieser allergischen Krankheit abweicht. Viele Betroffene suchen keinen Arzt auf und nur die wenigsten lassen sich fachärztlich behandeln. Dabei klassifizierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den allergischen Schnupfen bereits vor Jahren als bedeutende chronische Atemwegserkrankung: wegen der hohen Anzahl Betroffener, dem Einfluss auf Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und Produktivität in Beruf und Schule, den volkswirtschaftlichen Kosten sowie der Verbindung zum Asthma und anderen Begleiterkrankungen. (2) "Heuschnupfen darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen", warnte Czech. "Etwa die Hälfte der Patienten mit allergischem Schnupfen sind ganzjährig erkrankt und ein Drittel entwickelt zusätzlich ein Bronchialasthma. Ohne adäquate fachärztliche Diagnostik und Therapie drohen den Patienten Chronifizierung und dem Sozialsystem Mehrkosten!"

  1. Rahmel U und Klimek L: Regress wegen Hyposensibilisierung rechtswidrig. HNO-Nachrichten 2008;1:53-54.
  2. Bousquet J, van Cauwenberge P, Khaltaev N (Hrsg.). Allergic Rhinitis and its Impact on Asthma. ARIA Workshop Report. J Allergy Clin Immunol 2001;108:147-334


Hintergrundinformation: Regress
Ein Arzt erhält einen Regressbescheid, wenn er Arznei- oder Heilmittel in zu hohen Mengen, das heißt unwirtschaftlich, verordnet. Mit der so genannten Richtgröße bekommt jeder Arzt ein Praxisbudget je Patient für Arznei- und Heilmittel. Wird die Richtgröße um 25 Prozent überschritten, muss der Arzt den Mehraufwand den Krankenkassen erstatten, es sei denn, dieser ist durch Praxisbesonderheiten begründet. Ein Prüfgremium kontrolliert dies. 
Erstes Ziel der Regresse ist, einen möglich entstandenen finanziellen Schaden der Krankenkassen wieder auszugleichen, damit das gesetzliche Krankenkassenversicherungs-System bezahlbar bleibt. Das Verfahren bestraft Ärzte für ein unwirtschaftliches Verordnungsverhalten. 
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