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10.09.2008 Allergie-Prävention bei Kindern von größter Wichtigkeit


Erfurt, 10. September 2008 ­Etwa zehn Prozent der Säuglinge entwickeln bereits bis zum ersten Lebensjahr ein atopisches Ekzem (Neurodermitis). Zwar klingt diese allergisch-entzündliche Erkrankung oftmals nach einigen Jahren wieder ab, doch die Kinder haben ein erhöhtes Allergierisiko. Im Alter von fünf bis 15 Jahren leiden etwa sechs bis sieben Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen an Neurodermitis, bis zu zwölf Prozent an Asthma und bis zu 15 Prozent haben Heuschnupfen. Für die fachärztliche Versorgung dieser Kinder stehen gerade einmal 460 Kinder- und Jugendärzte mit allergologischer Weiterbildung zur Verfügung.(1) Häufig gehen die Eltern mit ihren allergiekranken Kindern auch erst spät oder gar nicht zum allergologisch tätigen Kinderarzt, so dass die kleinen Patienten insgesamt nicht optimal medizinisch versorgt sind. "Je eher Kinder mit Allergien behandelt werden, desto besser sind die Heilungschancen", sagte Professor Dr. Albrecht Bufe aus Bochum, Erster Vorsitzende der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA), anlässlich des 3. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongresses vom 10. bis 13. September 2008 in Erfurt. 
Kinder mit Neurodermitis benötigen eine sehr sorgfältige Hautpflege und je nach Krankheitsstadium eine Behandlung gegen die Entzündung der Haut. Besteht gleichzeitig eine Allergie auf Nahrungsmittel, ist eine allergologische Ernährungsberatung sehr wichtig. Die Therapie asthmakranker Kinder umfasst je nach Schweregrad die Inhalation bronchialerweiternder Sprays und in der Regel die Inhalation von Kortison. "Viele Eltern haben immer noch Angst, ihre Kinder Kortison inhalieren zu lassen. Kortison ist die beste Substanz, um die Entzündung der Schleimhaut der Atemwege beim Asthma unter Kontrolle zu halten. Die modernen Kortisonpräparate wirken praktisch nur in der Lunge, gelangen nicht in die Blutbahn und sind hervorragend verträglich", erklärte Bufe.

Heuschnupfen beeinträchtigt stark die Leistungsfähigkeit
Besonders viele Kinder leiden unter allergischem Schnupfen aufgrund von Pollenallergenen und Hausstaubmilben. Die Pollenallergie macht vor allem Schulkindern in den Monaten vor den großen Ferien während des Endspurts auf die Zeugnisse schwer zu schaffen: Neben Niesen, Naselaufen und Augenjucken kann Heuschnupfen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit führen. "Die Lebensqualität der Betroffenen ist ganz erheblich eingeschränkt und eine wirksame Therapie daher enorm wichtig", warnte Bufe. Die Schnupfenbeschwerden bessern sich bei regelmäßiger Einnahme von Antihistamintabletten und Anwendung eines gut verträglichen Kortisonsprays. "Langfristig sollte aber bei einem allergologisch ausgebildeten Kinderarzt geprüft werden, ob eine spezifische Immuntherapie in Frage kommt. Diese ursächlich wirkende Behandlung kann die Krankheit langfristig bessern oder sogar heilen", ist die Empfehlung des Bochumer Allergologen Bufe. "Eine spezifische Immuntherapie wirkt bei Kindern mit Heuschnupfen auch vorbeugend gegen Asthma."

Überraschende Ergebnisse bei Verabreichung von Allergenen in Tablettenform 
Allergiekranke Kinder haben ein überempfindliches Immunsystem. Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) ist die einzige Möglichkeit, das Immunsystem wieder toleranter zu machen. Dabei erhalten die Kinder über meistens drei Jahre regelmäßige Injektionen mit dem Allergieauslöser (Allergen). Bei Erwachsenen kann diese ursächliche Allergietherapie auch mit Hilfe von Tropfen erfolgen, die unter die Zunge appliziert werden. Frühere Studien zeigten aber leider, dass diese sublinguale Immuntherapie mit Tropfen für Kinder weniger wirksam ist. Doch jetzt ergaben Studien, bei denen Kinder mit einer Gräserpollenallergie täglich Tabletten mit Gräserpollenallergenen erhielten, überraschend gute Ergebnisse. "Gräserallergen-Tabletten für die Immuntherapie bessern nicht nur effektiv die Beschwerden von Heuschnupfen und allergischem Asthma. Wir erwarten, dass die Behandlung ebenso wie die Immuntherapie mit Spritzen das Asthmarisiko an Heuschnupfen erkrankter Kinder senken kann, also präventiv wirkt. Dies muss allerdings noch belegt werden", betonte der GPA-Vorsitzende Professor Bufe.

Prävention senkt Allergierate 
Allergologisch tätige Kinderärzte sind nicht nur spezialisiert auf die frühzeitige Behandlung von Allergien. Sie haben außerdem eine wichtige Funktion in der Vorbeugung und helfen den Eltern von Risikokindern, Maßnahmen zur Prävention von Allergien zu ergreifen. "Der Kinderarzt muss verhindern, dass aus Risikokindern allergiekranke Kinder und aus diesen wiederum allergiekranke Erwachsene werden. Dazu gehört neben der Allergietherapie auch die Prävention: Wir beraten unsere Patienten, wie man Allergien vorbeugt. Dadurch kann die mit dem Lebensalter steigende Allergierate in Deutschland sinken", sagte Bufe. Zur Zeit leidet etwa jeder dritte Erwachsene an einer Allergie.
Präventionsmaßnahmen sind besonders wichtig für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko, deren Eltern allergiekrank sind. Diese Kinder sind genetisch vorbelastet, sie haben von ihren Eltern eine Anlage zur Entwicklung von Allergien geerbt. Molekulargenetische Untersuchungen haben ergeben, dass eine Vielzahl von Genen das Risiko für allergische Sensibilisierungen Asthma, Neurodermitis und allergischen Schnupfen erhöhen können.

Rauchfreies Zuhause ist ein guter Allergieschutz Einen großen Einfluss auf das Allergie- und Asthmarisiko hat jedoch auch der Lebensstil. "Die wichtigsten Maßnahmen zur Allergieprävention sind das Stillen von Säuglingen über mindestens vier Monate und eine rauchfreie Umgebung", erklärte der Bochumer Kinder- und Jugendarzt Bufe. Der frühe Kontakt mit Allergenen aus Nahrungsmitteln, kann Allergien verursachen. Rauchen, auch Passivrauchen in der Umgebung der schwangeren Mutter und später des Kindes erhöht das Asthmarisiko ganz sicher. "In Gegenwart schwangerer Frauen und kleiner Kinder sollte auf keinen Fall geraucht werden", betonte Bufe. Ein erhöhtes Allergierisiko besteht vermutlich auch, wenn Innenräume mit Schimmel befallen sind oder sehr viele Hausstaubmilben vorkommen. Schimmelpilze und Milben mögen eine hohe Luftfeuchtigkeit. Deshalb sollten Innenräume möglichst trocken sein. Zu empfehlen ist regelmäßiges Stoßlüften. Die Allergene von Hausstaubmilben kann man außerdem durch regelmäßiges Staub wischen und saugen reduzieren. "Leider können auch Luftschadstoffe das Allergierisiko erhöhen, denen man nur schwer aus dem Wege gehen kann. Beispielsweise haben Kinder, die an verkehrsreichen Straßen aufwachsen, ein höheres Risiko, an Allergien zu erkranken", erklärte Bufe.
Auf Haustiere müssen Familien nur bei Risikokindern verzichten. Vor allem die Haltung von Hunden erhöht das Risiko für Allergien nicht. Allerdings zeigen wissenschaftliche Studien, dass Katzen und Nagetiere ein Risikofaktor sein könnten.
Bakterien können vor Allergien schützen
Einen Schutzeffekt hat der Kontakt mit bestimmten Bakterien, wie sie in Tierställen vorkommen. Diese Beobachtung veranlasste Wissenschaftler nach Möglichkeiten zu suchen, Allergien durch eine Behandlung mit Bestandteilen aus Bakterien vorzubeugen. Viele Hoffnungen hegten Allergologen zunächst für so genannte Probiotika. Dabei handelt es sich um harmlose Bakterien, beispielsweise Milchsäurebakterien, die das Immunsystem der Darmschleimhaut positiv beeinflussen können. Es gab Hinweise, dass die Neurodermitisrate bei Kindern reduziert wird, wenn schwangere Frauen in den letzten Wochen der Schwangerschaft und neu geborene Kinder in den ersten sechs Monaten nach der Geburt Probiotika einnehmen. Studien der letzten Jahre konnten diesen Effekt jedoch nicht bestätigen. Es bleibt abzuwarten, ob in wie weit eine Kombination verschiedener Probiotika oder andere Applikationswege, zum Beispiel über die Nasenschleimhaut, bessere Wirkung zeigen wird. 

  1. Weißbuch Allergie in Deutschland, 2. Auflage. DGAKI, ÄDA, DAAU (Ring J, Fuchs T, Schultze-Werninghaus G, Hrsg.), Urban und Vogel, München 2004.


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