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10.09.2008 Nasenpolypen: Antikörper eröffnen neue Therapieoption


Erfurt, 10. September 2008 ­ Verstopfte Nase, Sekretfluss in den Rachen, Abgeschlagenheit und häufiger Verlust des Riechvermögens: ein chronischer Schnupfen mit Nasenpolypen schränkt die Lebensqualität der Patienten sehr stark ein. Etwa vier Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Die Ursache der Erkrankung ist bis heute nicht geklärt, allerdings spielen bestimmte Bakterienprodukte wie Staphylokokken-Superantigene eine Rolle. Sie lösen eine Entzündungsreaktion aus und lassen so schwere Atemwegserkrankungen wie eine Nasennebenhöhlenentzündung oder ein Asthma bronchiale eskalieren. "Charakteristisch für den chronischen Schnupfen mit Nasenpolypen ist in mehr als 80 Prozent eine Entzündungsreaktion mit vermehrtem Auftreten bestimmter weißer Blutkörperchen. Dazu besteht oftmals gleichzeitig nicht-allergisches Asthma und eine Unverträglichkeit von Acetylsalicylsäure," erklärte Professor Dr. Claus Bachert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Immunologie und Allergologie (DGAKI), auf dem 3. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongress am 10. September 2008 in Erfurt. Schon 1997 konnten er und seine Arbeitsgruppe an der Abteilung für Oto-Rhino-Laryngologie im Universitätskrankenhaus Gent, Belgien, erstmals nachweisen, dass der Botenstoff Interleukin-5 (IL-5) ein wichtiger Faktor für die Reifung und Aktivierung bestimmter weißer Blutkörperchen, den eosinophilen Leukozyten, in Nasenpolypen ist. IL-5 spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Unterhaltung der Erkrankung.

Superantigene lassen Asthma eskalieren
Bei etwa einem Drittel der Bevölkerung können Ärzte eine Besiedelung mit dem Bakterium Staphylokokkus aureus nachweisen. In den meisten Fällen verursacht der Staphylokokken-Befall keine Probleme. Bei Menschen mit schweren Atemwegserkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündung oder Asthma können diese Bakterien jedoch sehr schädlich sein. Sie setzen Enterotoxine frei, die als so genannte Superantigene eine besonders große Anzahl der T-Zellen des Immunsystems scharf stellen. Die Folge ist eine massive Entzündungsreaktion, die zu einem 6-fach erhöhten Risiko der Entwicklung eines kortisonpflichtigen Asthmas führt. Bei Asthmakranken kann dies dazu führen, dass die Krankheit außer Kontrolle gerät und auch mit Kortison nicht mehr zu behandeln ist. "Superantigene können die Ursache für sehr schwer verlaufende Entzündungen der oberen und unteren Atemwege sein", erläuterte Bachert. "Mit Antibiotika allein bekommen wir das Problem nicht ausreichend in den Griff. Möglicherweise kann zukünftig eine Impfung verhindern, dass eine Nasennebenhöhlenentzündung oder Asthma bronchiale mit fatalen Folgen eskalieren."
Untersuchungen der belgischen Arbeitsgruppe von Professor Bachert in Gent zeigten, dass Behandlungen mit einem gegen IL-5 gerichteten Antikörper, dem so genannten Reslizumab, zumindest eine neue Therapieoption bei Patienten mit chronischem Schnupfen und Nasenpolypen eröffnen. "Bei mindestens der Hälfte der Patienten mit Nasenpolypen spielen IL-5 und eosinophile Leukozyten eine Schlüsselrolle im Krankheitsgeschehen. Diese Patienten mit IL-5-abhängigen Nasenpolypen könnten zukünftig von einer Therapie mit dem Anti-IL-5-Antikörper profitieren", betonte Bachert. Im Rahmen einer Plazebokontrollierten doppelblinden Studie untersuchten er und seine Kollegen 24 Probanden mit Nasenpolypen. Acht der Patienten wurden mit einer Einmalgabe des Anti-IL-5-Antikörpers Reslizumab in einer Dosierung von 3 mg/kg Körpergewicht behandelt, weitere acht Probanden mit 1 mg/kg Körpergewicht und acht Patienten erhielten ein Plazebo. Die Antikörpertherapie war gut verträglich und konnte das Krankheitsgeschehen deutlich verändern: Sowohl die Zahl der eosinophilen Leukozyten im Blut als auch die Konzentration des Botenstoffes IL-5 im Nasensekret gingen zurück. Bei der Hälfte der mit Anti-IL-5 behandelten Patienten ­ genau bei jenen, die zuvor hohe IL-5-Spiegel aufwiesen ­ verklei-nerten sich die Nasenpolypen. "Bei chronischem Schnupfen und Nasenpolypen sind hohe IL-5-Spielgel im Nasensekret ein Hinweis dafür, dass die Behandlung mit dem Antikörper Reslizumab erfolgreich sein wird," erläuterte der HNO-Arzt und Allergologe Bachert auf dem Allergie-Kongress in Erfurt.

Anti-IL-5-Antikörper kann ausgewählten Patienten eine Operation ersparen
Erhöhte IL-5-Spiegel im Blut oder im Gewebe findet man bei verschiedenen Erkrankungen, die durch eine Erhöhung der Zahl eosinophiler Leukozyten charakterisiert sind. Bei eosinophiler Dermatitis und beim hypereosinophilen Syndrom konnte ebenfalls eine Abnahme der Beschwerden nach Neutralisation von IL-5 durch Anti-IL-5-Antikörper wie Reslizumab erzielt werden. Dagegen waren Studien mit Anti-IL-5 bei Asthma und atopischem Ekzem bisher nicht erfolgreich. "Von der Therapie mit Reslizumab profitieren möglicherweise nicht alle Patienten gleichermaßen, somit ist eine sorgfältige Selektion der Patienten für den Therapieerfolg wichtig. Für den chronischen Schnupfen mit Nasenpolypen sind hohe IL-5-Spiegel im Nasensekret ein entscheidendes Auswahlkriterium", sagte Bachert in Erfurt. Eine weitere Studie seiner Arbeitsgruppe mit wiederholten Injektionen von Anti-IL-5 bei Nasenpolypen übertrafen die positive Ergebnisse der ersten Studie noch: Die typischen Polypen bildeten sich bei einigen Patienten vollständig und nachhaltig zurück. "Zukünftig sind weitere Studien notwendig, die neben dem maximalen therapeutischen Effekt auch die optimale Dosierung des Antikörpers untersuchen, um den Patienten eine operative Entfernung der Nasenpolypen ersparen zu können," so Bachert.

  1. Bachert C, Wagenmann M, Hauser U, Rudack C: IL-5 is upregulated in human nasal polyp tissue. J Allergy Clin Immunol, 1997; 99: 837-842.
  2. Simon HU, Yousefi S, Schranz C, Schapowal A, Bachert C, Blaser K: Direct demonstration of delayed eosinophil apoptosis as a mechanism causing tissue eosinophilia. J. Immunol 1997; 158: 3902-3908.
  3. Gevaert P, Lang-Loidolt D, Stammberger H, Van Zele T, Holtappels G, Taver-nier J, van Cauwenberge P, Bachert C: Nasal Interleukin-5 levels determine the response to anti-interleukin-5 treatment in nasal polyp patients. JACI 2006; 118: 1133-41.
  4. Bachert C, Zhang N, Patou J, van Zele T, Gevaert P. Role of staphylococcal superantigens in upper airway disease. Curr Opin Allergy Clin Immunol. 2008 Feb;8(1):34-8.


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