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10.09.2008 Allergiepatienten in Deutschland chronisch unterversorgt und zunehmend benachteiligt


Erfurt, 10. September 2008Jeder dritte Mensch in Deutschland ist allergiekrank. Allein an Heuschnupfen oder einem allergischen Schnupfen aufgrund von Hausstaubmilben leiden fast ein Viertel der Erwachsenen, viele davon chronisch.(1) 75 Prozent aller Heuschnupfenpatienten haben eine mäßig bis schwere Symptomatik mit Auswirkungen auf die Lebensqualität. Menschen mit Heuschnupfen haben außerdem ein hohes Risiko, zusätzlich an Asthma bronchiale zu erkranken (Etagenwechsel).(2) "Bei Kindern im Alter zwischen drei und 17 Jahren haben wir jetzt schon Sensibilisierungsraten von 40 Prozent. Dennoch wird nach unserer Schätzung nur etwa jeder zehnte Allergiker korrekt therapiert", sagte Professor Dr. Wolfgang Czech, der Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA), am 10. September 2008 auf dem 3. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongress in Erfurt. Die Allergietherapie sei bereits stark in der Erstattung eingeschränkt. "Nun kommen auf Allergiker auch noch drastische Änderungen in der Finanzierung von Laboruntersuchungen zu. Damit benachteiligt die Gesundheitspolitik Allergiker erheblich" betonte der Allergologe Czech. Gerade für Kinder ist diese Entwicklung fatal: An Heuschnupfen erkrankte Kinder haben ein doppelt so hohes Risiko, bis zum 11. Lebensjahr Asthma zu entwickeln.(3) 

Heuschnupfen und Insektengift-Allergie in einem Jahr ­ Pech für den Patienten
Ungeachtet der hohen Zahl allergiekranker Menschen, der Tendenz zur Verschlechterung allergischer Erkrankungen und der bereits seit Jahren bestehenden Unterversorgung der Patienten beschnitt die Gesundheitspolitik im Rahmen des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes ab dem 1. Januar 2004 ausgerechnet viele Bereich der Allergietherapie. Nichtrezeptpflichtige Antihistaminika, Basismedikamente für Neurodermitiker sowie andere Medikamente gegen allergischen Schnupfen oder allergisches Asthma werden seither für Patienten ab 12 Jahre nicht mehr als Kassenleistung anerkannt und somit nicht mehr erstattet. Allergologisch tätige Ärzte sind bei der Verordnung rezeptpflichtiger Antihistaminika und zunehmend auch beim Einsatz der einzigen ursächlichen Therapie, der spezifischen Immuntherapie, Regressprüfungen und Honorarrückforderungen durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgesetzt. Änderungen des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes für ärztliche Leistungen (EBM) zum 1. April 2007 führten zu erheblichen Einschnitten in der Allergiediagnostik: Pricktestungen zur Diagnostik einer Sofort-Typ-Allergie und Epikutantestungen, um Allergien vom Spät-Typ zu erkennen, dürfen seither nicht mehr in einem Behandlungsfall, also in einem Quartal abgerechnet werden. "Das bedeutet für Allergiekranke, dass sie unter Umständen mehrere Monate warten müssen, bis die Diagnose ihrer Erkrankung vollständig abgeschlossen ist", sagte Czech. 
Hinzu kommt, dass die gesetzlichen Krankenkassen eine Allergie-Diagnostik nun ohnehin nur noch einmal im Jahr finanzieren. Pech für den Patienten, der im Frühjahr einen Heuschnupfen und später im Sommer eine allergische Reaktion nach einem Insektenstich bekommt. "Die Einschnitte in der Erstattung der Allergiediagnostik sind mit einer ethischen Medizin gar nicht mehr vereinbar. Allergien, wie beispielsweise auf Insektengift, Nahrungsmittel oder Medikamente, können tödlich enden. Es ist den Betroffenen nicht zumutbar, dass die Diagnostik zum Nachteil der Patienten und wider jede medizinische Notwendigkeit beschnitten wird", kritisierte Czech. 

Allergologen sind fassungslos angesichts der Bagatellisierung von Allergien
Ein nächster Tiefpunkt in der Versorgung von Allergiepatienten steht den allergologisch tätigen Fachärzten am 1. Januar 2009 ins Haus: Mit den Änderungen des Bundesmantelvertrages im Juli 2008(4) treten die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) beschlossenen Änderungen zur Umsetzung der Laborreform mit einer Begrenzung der Ausgaben für die Bestimmung Allergenspezifischer IgE-Antikörper auf 33,20 Euro pro Behandlungsfall in Kraft. Damit lassen sich bei heutigen Preisen lediglich das Gesamt-IgE und vier spezifische IgE-Antikörper bestimmen. "Das ist für die individuelle Diagnostik eines Allergikers ohne Zweifel viel zu wenig", betonte Professor Czech in Erfurt. Für diese Laborbestimmungen steht kein zusätzliches Geld mehr zur Verfügung wie bisher, sondern die Kosten sollen mit den Geldern abgedeckt werden, die eigentlich für die klinische Versorgung der Patienten, also beispielsweise Untersuchungen oder Hauttests, vorgesehen sind.

Sparmaßnahmen gehen auf Kosten der gesetzlich versicherten Patienten
Das Ziel der geplanten Einsparungen in der Labordiagnostik ist anscheinend die Finanzierung neuer Laborleistungen ­ auf Kosten der Allergiekranken. Die allergologischen Fachverbände sehen in der geplanten Beschneidung der allergologischen Labordiagnostik einen gravierenden Leistungsentzug zu Lasten gesetzlich versicherter Allergiepatienten. Krankenkassen und Selbstverwaltung bagatellisieren Allergien trotz rasanter Entwicklung der Erkrankungszahlen und der Gefahr eines für die Solidargemeinschaft teuren Etagenwechsels hin zum Asthma. Czech und seine Kollegen sind empört: "Unter uns Allergologen macht sich natürlich Unglauben und Fassungslosigkeit breit: Allergien betreffen vor allem Kinder und junge Erwachsene, also zukünftige und aktuelle Leistungsträger der Volkswirtschaft. Wir fordern dringend eine Überarbeitung der geplanten Änderungen!"
Als Grund für die Leistungseinschränkungen bei der Diagnose und Behandlung von Allergien vermuten die allergologisch tätigen Fachärzten die chronische Unterfinanzierung der ambulanten Versorgung, die offenbar auch nicht durch die Gesundheitsreform 2007 mit der geplanten Schaffung eines Gesundheitsfonds beendet wird. "Sonst wären solche drastischen Sparmaßnahmen nicht von Nöten", vermutet ÄDA-Präsident Czech. "Die offensichtliche Benachteiligung Allergiekranker ist weder den Patienten noch den behandelnden Ärzten weiter vermittelbar." 

  1. Weißbuch Allergie in Deutschland, 2. Auflage. DGAKI, ÄDA, DAAU (Ring J, Fuchs T, Schultze-Werninghaus G, Hrsg.), Urban und Vogel, München 2004. ISBN 3-89935-182-7
  2. Bachert C: Die allergische Rhinokonjunktivitis. Allergologie 2005; 28(2):45-52
  3. Wright AL, Holberg CJ, Martinez FD, Halonen M, Morgan W, Taussig LM. Epidemiology of physician-diagnosed allergic rhinitis in childhood. Pediatrics 1994;94(6 Pt 1):895-901
  4. Änderung des Bundesmantelvertrages Ärzte (BMV-Ä) sowie Änderung des Bundesmantelvertrages Ärzte/Ersatzkassen (EKV) zur weiteren Umsetzung der Laborreform. Deutsches Ärzteblatt 04.08.2008; 105(31-32: A1682-A1698


Hintergrundinformation: Allergologische Labordiagnostik
Die Labordiagnostik (Bestimmung von Gesamt-IgE sowie allergen-spezifischem IgE) stellt neben der Hauttestung und Provokationsdiagnostik die dritte notwendig Säule in der Diagnostik allergischer Erkrankungen dar. Der Stellenwert dieser in-vitro Diagnostik ist gleichberechtigt mit anderen diagnostischen Verfahren und patientenindividuell sowie krankheitsorientiert einzusetzen. Unzweifelhafte Stärken und Vorteile der in-vitro Testung gegenüber der Hauttestung sind die Standardisierung und Quantifizierung sowie Untersucherunabhängigkeit der Ergebnisse (Validität). Der Hautzustand (Ekzem, Nesselsucht etc.) sowie die Einnahme von Medikamenten beeinflusst das Laborergebnis nicht. Somit ist die in-vitro Testung auf IgE-Antikörper bei Allergien universell einsetzbar.
Die allergologische Grundlagenforschung der letzten Jahre auf molekularbiologischer Ebene konnte nur für die in-vitro Diagnostik einen Fortschritt in der Differenzierung der diagnostischen Analyse erreichen (Major- und Minorallergene, rekombinante Allergene). Eine große Palette an Allergenen ist verfügbar, insbesondere zur Abklärung von komplexeren Atemwegs-, Insektengift- und Nahrungsmittelallergien. Gerade in der Nahrungsmittelallergiediagnostik schwindet die Palette verfügbarer Hauttestlösungen zunehmend aufgrund der Zulassungsauflagen. 
Bei Problemallergenen hat die in-vitro Diagnostik im Gegensatz zur Hauttestung kein Gefährdungspotential für die Patienten. Gerade bei Kindern bedeutet der Hauttest häufig eine Traumatisierung und erbringt ungenaue Ergebnisse. Ein frühes in-vitro Screening entdeckt den "Allergiker von morgen" rechtzeitig und ermöglicht schnelle Sekundärpräventionsmaßnahmen.
Ab dem 1. Januar 2014 soll mit der Änderung des Bundesmantelvertrages außerdem erreicht werden, dass bei Veranlassung von Laborleistungen nur an Fachärzte überwiesen werden kann, bei denen diese Leistungen zum Kern ihres Fachgebietes gehören. Es ist ein Ausschluss der Allergologen zu befürchten. Ein Allergologe mit entsprechender Zusatzweiterbildung besitzt jedoch neben der technischen Kompetenz in der Bearbeitung von Laborproben auch die besondere Kompetenz zur klinischen Interpretation der Befunde und zur Untersuchung und Beurteilung von Kreuzallergien.
Eine Fokussierung der Durchführung allergologischer Labordiagnostik auf Fachärzte für Labormedizin ist für die allergologischen Fachverbände deshalb nicht haltbar. Die weitere Umsetzung der Laborreform kann zum schnellen Tod des Allergie-Labors führen und damit zu einem erheblichen Qualitätsverlust bei der Versorgung allergiekranker Kinder und junger Erwachsener in Deutschland. 
Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.

Für weitere Informationen steht Ihnen zur Verfügung:
Pressekontakt ÄDA / DGAKI / GPA
Dr. Petra von der Lage
Schulterblatt 120
20357 Hamburg
Tel.: 0 40 / 50 71 13 44
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E-Mail: vonderlage[at]mastermedia.de


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