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14.07.2003 Allergie und Psyche


Wenn bei Miezes Foto die Nase juckt

Stellen Sie sich vor, es ist Frühsommer, ein sonniger, strahlender Tag. Sie sind in der Natur unterwegs und machen Picknickpause auf einer blühenden Wiese, mitten im hohen Gras. Millionen von Gräserpollen wirbeln durch die Luft. Sie atmen die Pollen ein, hunderttausende mit jedem Atemzug. Die Pollen heften sich an ihre Nasenschleimhaut. Sie gelangen tief in Ihre Lunge und dringen bis in die kleinsten Atemwege vor ...

Natürlich wird kein Therapeut einen Heuschnupfenpatienten mit diesen Worten in Hypnose versetzen. Er täte ihm auch keinen Gefallen damit. Denn Niesattacken, Luftnot und Augenjucken lassen sich bei manchen Allergikern hervorrufen, ohne dass die allergieauslösende Substanz in der Nähe ist, unter anderem durch Suggestion, unter Hypnose oder durch ein Foto - beim Katzenhaarallergiker zum Beispiel durch das Foto einer Katze. "Der Allergiker weiß, dass er bei Katzen immer niesen muss, er erwartet es geradezu. Irgendwann läuft die allergische Reaktion dann reflexartig ab und er bekommt Schnupfen, auch wenn er nur ein Foto sieht", erklärt Norbert K. Mülleneisen vom Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA). "Das entspricht einer klassischen Konditionierung, einem unbewussten Lernvorgang."

Die Psyche als Kofaktor
Niesreiz unter Hypnose oder beim Betrachten eines Fotos sind interessante Phänomene - typisch für den allergologischen Alltag sind sie allerdings nicht. Hier machen sich psychische Einflüsse auf allergische Erkrankungen meistens auf andere Weise bemerkbar: Sie können die Beschwerden verstärken und begünstigen. Mülleneisen, der als niedergelassener Allergologe in Leverkusen tätig ist, spricht von Kofaktoren. "Wenn es einem Pollenallergiker gut geht, macht ihm leichter Pollenflug oft nichts aus. Aber wenn er Ärger hat oder seine Freundin ihn gerade verlässt, dann reichen auch wenige Pollen in der Luft, und die Nase läuft", erläutert er. Oft spielen Stress, Beziehungskonflikte, Depressionen und Ängste eine Rolle beim Auftreten allergischer Symptome. Allergologen gehen außerdem davon aus, dass bei etwa der Hälfte aller Asthmaanfälle als mögliche Auslöser neben einer allergischen Komponente, Infektionen und physikalischen Reizen auch emotionale Faktoren beteiligt sind.

Neurotransmitter wirken auf Abwehrzellen
"Ohne Frage bestehen enge Beziehungen zwischen Nervensystem und Immunsystem", bestätigt auch Professor Harald Renz von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI). "Sie wirken in beide Richtungen und werden durch Neurotransmitter vermittelt." Die Forschung interessiert sich zurzeit besonders für die Gruppe der so genannten Neurotrophine. Diese Neurotransmitter werden nicht nur von Nervenzellen, sondern auch von Immunzellen gebildet, und sie wirken auch auf beide Zellsysteme. Man weiß, dass sie Zellen vor dem programmiertem Zelltod schützen, der so genannten Apoptose. "Neurotrophine scheinen eine wichtige Schnittstelle zwischen Nervensystem und Immunsystem zu bilden. Sie werden bei allergischen Reaktionen überschießend produziert und bleiben über Tage und Wochen hinweg wirksam", so Renz.

Keine Allergiepersönlichkeiten
Kofaktor ja, alleinige Ursache allergischer Erkrankungen nein. Trotz aller Wechselwirkungen sind Allergien natürlich keine psychischen Krankheiten. Sie beruhen in erster Linie auf einer Fehlsteuerung des Immunsystems. Der Körper reagiert dadurch auf harmlose Substanzen wie Pollen so, als seien es Krankheitserreger - mit den bekannten Folgen. Der Versuch, einen Zusammenhang zwischen bestimmten Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen und Allergien zu finden, blieb erfolglos - spezielle "Allergiepersönlichkeiten" gibt es nicht. Eine neuere Studie an der Klinik für Psychosomatik der Uniklinik Mainz entlastet darüber hinaus die Eltern von Kindern mit Neurodermitis: Weder die Einstellung der Mutter zum Kind, die Rolle des Vaters in der Familie noch die Qualität der Elternbeziehung scheint eine Rolle für das Auftreten der Erkrankung im Kindesalter zu spielen. Leider sind entsprechende Vorstellungen immer noch weit verbreitet. Viele Eltern plagen sich deshalb mit unberechtigten Schuldgefühlen. Das Beispiel der Neurodermitis gibt aber in anderer Hinsicht einen Hinweis auf eine Verquickung von Geist und Allergie: Bei Patienten mit starkem Juckreiz lässt sich regelmäßig nachweisen, dass bestimmte Hirnregionen besonders aktiviert sind. "So finden wir immer mehr Puzzleteile. Bis wir alle Teile beisammen haben und das komplexe Zusammenspiel von Psyche und Allergie wirklich verstehen, wird aber noch einige Zeit vergehen", blickt Renz in die Zukunft.

Der Allergologe stellt die Weichen
Allergien sind also vielschichtige Erkrankungen. Die Therapie gehört deshalb auf jeden Fall in die Hand eines Experten. Der Allergologe kann durch exakte Diagnostik feststellen, ob eine Allergie vorliegt und gegen welche Substanzen sie sich richtet. Professor Thomas Fuchs, Präsident des ÄDA, nennt als wirksamste Methoden gegen Allergien das Meiden der Auslöser, antiallergische Medikamente (Antihistaminika) und eine spezifische Immuntherapie ("Allergie-Impfung") mit standardisierten Allergen-Präparaten. Sie führt in über 90 Prozent der Fälle zu einer jahrelangen Besserung der Beschwerden, oft sogar zu einer Heilung. Hat der Allergologe den Verdacht, dass bei einem Patienten psychische Faktoren große Bedeutung haben, wird er ihn gegebenenfalls auch psychotherapeutisch behandeln lassen. Das gilt natürlich auch dann, wenn starke seelische Belastungen nicht als eine der Ursachen, sondern als Folge der Allergie auftreten. Denn Erkrankungen wie allergischer Schnupfen, Neurodermitis oder Asthma bronchiale können die Lebensqualität massiv beeinträchtigen und psychische Probleme, zum Beispiel depressive Verstimmungen, erst entstehen lassen. Verbindungen zwischen Psyche und Immunsystem bestehen in beide Richtungen und sind keine Einbahnstraße.

Die Allergie vergessen?
Aber was sollen die Patienten machen, die tatsächlich schon beim Anblick eines Fotos Beschwerden bekommen? Können sie diese reflexartige Reaktion auch wieder verlernen? "Ja", sagt Mülleneisen. "Die effektive antiallergische Therapie ist auch in diesen Fällen eine gute Möglichkeit. Sie muss wirkungsvoll verhindern, dass Beschwerden auftreten, wenn der Patient zum Beispiel Kontakt mit einer Katze hat. Dann kann der Körper wieder vergessen, dass er auf Katzen immer allergisch reagiert, denn er macht ja jetzt eine andere Erfahrung. Die Praxis zeigt, dass eine Psychotherapie für diese Patienten dadurch meist überflüssig ist."

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