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29.05.2002 Histaminunverträglichkeit - körpereigene Substanz führt zu Fehldiagnosen


Pseudoallergie statt Tropenkrankheit
Felix K. hatte sich so auf zu Hause gefreut. Doch kaum war er zurück in Deutschland, quälten ihn Durchfall, dauernde Müdigkeit und Kopfschmerzen. Zwei Jahre lang hatte der 31-jährige Biologe in Brasilien ein schwieriges Forschungsprojekt geleitet - jetzt kam er morgens kaum mehr aus dem Bett. Der Hausarzt vermutete zunächst einen Magen-Darm-Infekt. K. fühlte sich so elend, dass er ein paar Tage nichts mehr aß. Daraufhin besserten sich die Beschwerden, aber nur für kurze Zeit. Wenige Tage später fing es wieder an: ständiger Durchfall, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Hitzegefühl. K. machte sich ernste Sorgen. Der Hausarzt vermutete nun eine Tropenkrankheit und überwies ihn zu einem Spezialisten. Doch auch der konnte die Ursache für die Beschwerden nicht finden. K. zweifelte schon an seinem Verstand. Hatte das alles etwa psychische Ursachen? Den Stress bei der Arbeit? Machte ihm die Umstellung nach seiner Rückkehr die Probleme? Ein Bekannter hatte die richtige Idee: Es könnte doch mit dem Essen zusammenhängen. K. ging daraufhin zu einem allergologisch ausgebildeten Facharzt. Der stellte die richtige Diagnose: Histaminunverträglichkeit. Lebensmittel, die viel Histamin enthalten, hatten bei K. die Beschwerden ausgelöst.

Von der Tropenkrankheit bis zur Bierallergie - die Histaminunverträglichkeit wird mit vielen Erkrankungen verwechselt. "Für die Patienten bedeutet das oftmals viele unergiebige Arztbesuche und monatelanges Leiden", betont Professor Thomas Fuchs, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA). Aber die Erkrankung macht den Ärzten die Diagnose auch nicht leicht. Histamin wird in unserem Körper gebildet. Außerdem ist es ein natürlicher Bestandteil vieler Lebensmittel. Fisch, Käse, Salami, Sauerkraut, Rotwein und Bier enthalten beispielsweise viel davon. Eigentlich kein Problem, denn ein Mechanismus in unserem Darm sorgt dafür, dass das Histamin abgebaut wird. Es gibt aber Menschen, bei denen dieser Mechanismus nicht ausreichend funktioniert. Sie leiden unter einer Histaminunverträglichkeit: Ein Enzym (Diaminoxidase), das Histamin verstoffwechselt, arbeitet nicht richtig, oder es ist nicht genügend vorhanden. Und wer mehr Histamin aufnimmt als sein Abbausystem verarbeiten kann, bekommt Probleme. Der erhöhte Histaminspiegel im Blut verursacht Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Hautrötungen, Juckreiz, verstopfte oder laufende Nase. Auch Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall, Atemnot und Asthmaanfälle können auftreten.

Die Symptome sind einer Allergie sehr ähnlich. Das liegt daran, dass auch bei allergischen Reaktionen Histamin aus bestimmten Körperzellen freigesetzt wird. Nur handelt es sich hierbei um eine erworbene, immunologische Überempfindlichkeit. Die Histaminunverträglichkeit ist dagegen eine pseudoallergische Reaktion - Hauttests und der Nachweis von allergiespezifischen Antikörpern im Blut fallen negativ aus. Verwechslungen zwischen den beiden Erkrankungen sind wegen der ähnlichen Beschwerden schnell möglich.

So kann beispielsweise Bier einerseits echte Allergien verursachen, bei denen die Betroffenen auf Gerstenextrakt, Hefe oder Weizen allergisch reagieren. Andererseits kann nach Biergenuss bei empfindlichen Menschen aber auch eine Pseudoallergie durch Histaminunverträglichkeit auftreten. Wissenschaftliche Untersuchungen des Allergologen Norbert K. Mülleneisen und des Labormediziners Ernö Dux haben gezeigt, dass gerade Kölsch und Weizenbier viel Histamin enthalten. "Bei lang anhaltenden, unklaren Beschwerden, die einer Allergie ähneln, sollte immer auch ein allergologisch ausgebildeter Facharzt zu Rate gezogen werden", rät Professor Fuchs. Nur durch eine umfassende Diagnostik, die das Weglassen histaminreicher Lebensmittel und das anschließende vorsichtige Austesten (Provokation) beinhaltet, kann das Krankheitsbild richtig beurteilt und behandelt werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Patienten mit einer Histaminunverträglichkeit, nur frischen Fisch zu essen oder sogar ganz auf Fisch und Fischprodukte zu verzichten. Hartkäse, Rohwurst und roher Schinken sollten gemieden werden. Lebensmittel, denen bei der Herstellung Mikroorganismen zugesetzt werden, sowie alkoholische Getränke sollten Betroffene nur mit Vorsicht genießen. Generell ist eine Ernährungsberatung wichtig. Das Meiden histaminreicher Nahrungsmittel macht die Patienten dann schnell wieder beschwerdefrei.

Auch K. ließ nach einer Ernährungsberatung die Lebensmittel weg, die ihm Beschwerden machten. So hatte sein monatelanges Leiden schnell ein Ende. Dass die Symptome erst nach seiner Rückkehr aus Brasilien aufgetreten waren, erklärte der Arzt damit, dass K. zu Hause seine Ernährung umgestellt hatte. Die fremdländische Kost, die er zwei Jahre lang in den Tropen gewohnt war, enthielt viel weniger Histamin.

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