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22.02.2001 Schmuddelkinder leben gesünder


Schmutz schützt vor Allergie
In ihrem Kampf gegen die Volkskrankheit Allergie setzen Wissenschaftler auf eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Form der Prävention: den Schmutz. "Wer im Kindesalter Kontakt mit ungefährlichen Keimen hat, erkrankt später nicht so oft an Allergien", lautet ihre Hypothese.

Immer mehr Experten vertreten die Auffassung, dass bestimmte Infekte in früher Kindheit vor Allergien schützen. So fanden Forscher an der Berliner Charité heraus, dass Säuglinge, die im ersten Lebensjahr häufig Schnupfen haben, später seltener an Asthma erkranken. Eine weitere Studie zeigte, dass Kinder, die schon im Alter von einem Jahr eine Kindertagesstätte besuchten, ein deutlich weniger allergieanfälliges Immunsystem aufwiesen als Altersgenossen, die erst später Kontakt zu Kindern in der Kindertagesstätte hatten. Auch eine vom bayerischen Umweltministerium im vergangenen Jahr in Auftrag gegebene Studie bestätigt die "Schmuddel-Hypothese". Danach leiden Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, 15-mal seltener an Heuschnupfen und Asthma als Kinder aus nicht bäuerlichen Familien. Fazit der Leiterin der Studie, Dr. Erika von Mutius: "Kinder, die im ersten Lebensjahr überdurchschnittlich oft im Stall waren, leiden wesentlich seltener an Allergien". Die Untersuchung habe gezeigt: Je intensiver der Stallaufenthalt war, desto ausgeprägter war der schützende Effekt. Allergisch vorbelastete Eltern sollten bei ihren Kindern unbedingt präventive Maßnahmen ergreifen.

Das Spielen im Schmutz gilt nicht nur als Brutstätte für Keime und Krankheiten, sondern dient auch als Fitnessprogramm fürs Immunsystem. "Das natürliche Abwehrsystem des Menschen ist lernfähig und muss trainiert werden", betont Professor Jürgen Knop, Direktor der Hautklinik an der Universität Mainz und Vorstands-Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI). Allerdings müsse ein gewisser Hygienestandard eingehalten werden, um gefährliche Infektionskrankheiten zu vermeiden, fügt er hinzu. Durch den frühen Kontakt zu ungefährlichen Keimen würden die so genannten T-Helfer 1-Lymphozyten (TH1-Zellen) aktiviert. Bei Allergikern besteht ein Ungleichgewicht zwischen TH1- und TH2-Lymphozyten. TH1-Zellen und TH2-Zellen sind Untergruppen bestimmter weißer Blutkörperchen. Sie unterscheiden sich durch die von ihnen jeweils produzierten Entzündungsfaktoren (Zytokine). TH1-Zellen sind an der Immunabwehr von Bakterien, Viren oder Pilzen beteiligt, während TH2-Zellen mit einer Immunantwort auf Würmer reagieren.

"Die TH1-Zellen können sich an Erreger erinnern und vermehren sich bei einem erneuten Kontakt mit diesem Erreger sehr schnell", erklärt Professor Knop die Vorteile einer möglichst frühen Konfrontation mit potenziellen Allergenen. "Zudem blockieren diese Helferzellen des Immunsystems die T-Helfer 2-Lymphozyten", nennt der Experte eine zweite wichtige Eigenschaft der TH1-Zellen. Ungebremst führen die T-Helfer 2-Zellen zu den eigentlichen allergischen Reaktionen, indem sie eine immunologische Kettenreaktion auslösen, an deren Ende Histamin ausgeschüttet wird, das für den entzündlichen Verlauf einer Allergie verantwortlich ist. In schlimmen Fällen kann dieser Histaminschwall zu einem Kreislaufkollaps und sogar zum Tod führen. Aktive TH1-Zellen unterdrücken diesen Prozess und damit die allergische Reaktion.

Den Besorgnis erregenden Anstieg von Allergien - ein Drittel aller Menschen in Deutschland leidet inzwischen an Heuschnupfen, Asthma, Neurodermitis oder anderen Symptomen eines irregeleiteten Immunsystems - führen Experten wie der Allergologe Knop zum großen Teil auf die Lebensumstände zurück. In einer Umgebung, die - wie in westlichen Haushalten zunehmend üblich - mit Desinfektionsmitteln möglichst keimfrei gehalten werde, würden die T-Helfer 1-Zellen weder gefordert, noch trainiert und zudem hätten die T-Helfer 2-Zellen freie Bahn.

Da die Forderung "Kinder in den Kuhstall" angesichts der Ergebnisse der bayerischen Studie von Dr. von Mutius zwar interessant, aber angesichts der Lebensumstände der meisten Stadtkinder wenig pragmatisch erscheint, suchen Forscher nach Alternativen, mit denen sie die fehlende natürliche Bakterienflora imitieren könnten. Als Trainingspartner fürs Immunsystem werden derzeit ungefährliche Bakterien bzw. deren Produkte erprobt, berichtet der Mainzer Experte.

"Eine allergenfreie Umgebung für allergiegefährdete Kinder ist nicht möglich", sagt Professor Knop. Deshalb sollte bei Verdacht auf eine Allergie in jedem Fall ein allergologisch geschulter Facharzt aufgesucht werden. Er kann feststellen, welche Substanzen als Allergene in Frage kommen und die richtige Behandlung einleiten. In vielen Fällen führt eine spezifische Immuntherapie (Allergie-Impfung) zur Heilung oder zumindest zur Linderung der Symptome. Den Patienten werden allmählich ansteigende Dosen eines molekular definierten Allergen-Präparates verabreicht. Dadurch entwickelt das Immunsystem mit der Zeit eine Toleranz gegenüber den Allergieauslösern. Die Immunantwort der TH2-Zellen wird herunter reguliert, die normale Balance zwischen TH1- und TH2-Zellen wieder hergestellt und die allergische Entzündungsreaktion verhindert. Die spezifische Immuntherapie ist aufgrund ihres Wirkmechanismus die einzige Behandlungsmethode, die sowohl den Verlauf der Allergie positiv beeinflussen als auch einem Asthma bronchiale vorbeugen kann. Auch ein bereits bestehendes Asthma kann durch rechtzeitige Immuntherapie geheilt werden. Aus diesem Grund wird die Behandlung von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für den frühzeitigen Einsatz bei Allergikern empfohlen. Generell gilt, je früher mit einer kausalen Immuntherapie begonnen wird, desto besser sind die Behandlungserfolge.

Bei noch nicht allergischen Kindern scheint nach Worten des Mainzer Experten die Vermeidung möglicher Allergene - zum Beispiel von Tierhaaren - nicht unbedingt notwendig zu sein; wenn eine erbliche Veranlagung durch allergiekranke Eltern besteht, sollte jedoch eine Allergie der Kinder unbedingt durch einen Allergologen ausgeschlossen werden. "Das Risiko, eine Allergie zu entwickeln, wird durch eine hohe Allergenexposition nicht verstärkt, sondern könnte sogar vermindert werden." Falls in allergiegefährdeten Familien der Wunsch besteht, eine Katze anzuschaffen, rät er dennoch dazu, vorher das Risiko zu prüfen. "In solchen Fällen sollten die Familien unbedingt einen allergologisch ausgebildeten Facharzt zu Rate ziehen", empfiehlt auch Professor Thomas Fuchs, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA). Ein Allergologe kann eine gezielte Diagnostik durchführen und eine seriöse Einschätzung liefern, ob Gefahr durch Tierhaar droht oder nicht.

  • Riedler, J. et al.: Exposure to farming in early life and development of asthma and allergy: a cross-sectional survey. The Lancet 358:1129-1133, 2001.

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