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28.09.2005 Allergiker zum Allergologen - leider nicht die Regel


Würden Sie sich von einem Psychiater den Blinddarm entfernen lassen?" Diese Frage beantworten die meisten Menschen klar mit Nein", denn jeder möchte von dem Arzt behandelt werden, der sein Handwerk gelernt und auf seinem Gebiet viel Erfahrung hat. Die Chirurgie den Chirurgen, die Psychiatrie den Psychiatern und die Allergologie den Allergologen? Nein, für die Allergologie gilt das Prinzip leider nicht", bedauert Dr. Josef Wenning, Vorstandsmitglied des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA). Der weitaus überwiegende Teil der Allergie-Patienten trifft auf Ärzte, die weder Kenntnisse noch Fähigkeiten im Bereich Allergologie erworben haben." Nur zehn Prozent der 24 Millionen Allergiker in Deutschland werden adäquat versorgt. Das ist ein großes Problem, denn unqualifizierte Diagnostik und Therapie gefährden nicht nur die Betroffenen und verschlechtern ihre Lebensqualität und die Prognose der Erkrankung. Sie verursachen auch immense Kosten. Die Forderung der allergologischen Fachverbände lautete daher: Allergien gehören in die Hand des Allergologen - nur derjenige sollte allergologische Leistungen erbringen dürfen, der sie zuvor erlernt hat.


Hoffnungen wurden enttäuscht
Die Allergologen hatten auf den 1. April 2005 gehofft. Denn da trat als neue Gebührenordnung der so genannte EBM 2000 plus in Kraft, dessen Verfasser sich ursprünglich zum Ziel gesetzt hatten, die Leistungen auf den qualifizierten Arzt zu verdichten. Doch die Allergologen wurden enttäuscht: Die endgültige Fassung des EBM 2000 plus ermöglicht weiterhin auch jenen Ärzten eine allergologische Basisdiagnostik, die sich nie allergologisch weitergebildet haben und denen jegliche Erfahrung auf diesem Gebiet fehlt. Und das kann ernste Konsequenzen haben: Die Basisdiagnostik ist die Grundlage für eine langjährige, mit erheblichen Nebenwirkungsrisiken verbundene Therapie", betont Wenning. Wird sie von unerfahrenen Ärzten gemacht, kann das die Patienten gefährden und viele nutzlos abgerechnete Leistungen verursachen. Das hat uns schon die Vergangenheit gelehrt." Damals hatte eine ausufernde Allergiediagnostik und -therapie von unerfahrenen Ärzten dazu geführt, dass beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Frankfurt zahlreiche Nebenwirkungsmitteilungen über die spezifische Immuntherapie eingegangen waren. Angesichts fehlender Qualitätsrichtlinien sah sich das PEI damals gezwungen, einen Warnhinweis für die spezifische Immuntherapie herauszugeben: Nur allergologisch weitergebildete und erfahrene Ärzte" dürfen diese Behandlung durchführen. Der Erfolg war beispiellos, denn die Zahl der Nebenwirkungen ging innerhalb eines Jahres dramatisch zurück. 


Spezifische Immuntherapie - zu selten und zu spät durchgeführt
Die Quintessenz der Allergologie ist die kausale Therapie allergischer Erkrankungen mithilfe der subkutan verabreichten spezifischen Immuntherapie (SIT) - in der Hand des Experten. Bei dieser Behandlung wird dem Patienten regelmäßig die Substanz unter die Haut gespritzt, auf die er allergisch reagiert (Allergen). Weil das Immunsystem stets mit dem Allergen konfrontiert wird, gewöhnt es sich allmählich wieder an die entsprechende Substanz und löst nach einer Weile keine allergische Reaktion mehr aus. Eine SIT kann die Fehlsteuerung der Körperabwehr dauerhaft beheben und dadurch Allergien im besten Fall sogar heilen. Zurzeit erhalten Allergiker aber leider noch zu selten und oft zu spät eine SIT", sagt Wenning. 


Wertvolle Zeit geht verloren
Der neue EBM 2000 plus wird die Unterversorgung allergischer Patienten nicht verbessern. Im Gegenteil: Die Allergologen befürchten, dass der Außendienst etlicher Pharmafirmen die Situation ausnutzen wird. Die Vertreter werden die Praxen stürmen, lausige Testkästen mit Hausstaub-Schimmelpilzmischung verteilen und den Hausarzt in die Technik der Basis-Prick-Testung einweisen", so Wenning. Dabei sollten gerade die diagnostischen Untersuchungen an der Haut nur von Ärzten erbracht werden, die über die notwendige Weiterbildung und Erfahrung verfügen. Die Testmethodik ist nicht das Problem", erklärt Wenning. Die ist schnell erlernt. Viel schwieriger ist es, die richtige Indikation zu stellen, die adäquate Testmethode mit den richtigen Materialien zu wählen, das Testrisiko für den Patienten einzuschätzen, den Test korrekt durchzuführen und vor allem die Ergebnisse richtig zu interpretieren. Das alles erfordert allergologische Fachkenntnis und viel Erfahrung." Er vermutet, dass eine unzureichende Basisdiagnostik bei vielen Patienten als Grundlage für die Verordnung der eher ungefährlichen, bei mangelhafter Diagnostik aber fraglich wirksamen oralen Immuntherapie herangezogen wird. Die Folge: Es entstehen hohe Kosten ohne nachgewiesenen therapeutischen Nutzen. Möglicherweise erhalten viele Patienten auch gar keine ausreichende fachärztliche Beratung und Therapie. Und den Patienten, die angesichts des langfristigen Verlaufs ihrer Erkrankung und der zunehmenden Verschlechterung der Symptome von Anfang an eine adäquate Versorgung verdient hätten, geht wertvolle Zeit verloren.


Mehr Patienten - weniger finanzielle Mittel
Ärzte, die Allergiepatienten adäquat betreuen wollen, brauchen viel Erfahrung und müssen sich regelmäßig weiterbilden. Die Weiterbildung in der Allergologie wird aber nur mangelhaft beaufsichtigt, vielerorts fehlen Qualitätskriterien. Seit mehr als zehn Jahren bemühen sich der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) und die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) um Qualitätsrichtlinien für die Allergologie. Bislang leider ohne Erfolg", bedauert Wenning. Darüber hinaus machen Abrechnungsbeschränkungen und starre Budgetierungen den Allergologen das Leben schwer. Angesichts der stetig wachsenden Allergikerzahlen stehen für die Versorgung der Patienten heute im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren nur noch etwa ein Viertel der finanziellen Mittel zur Verfügung. Dabei sind Allergien für eine Budgetierung eigentlich völlig ungeeignet, weil sie zu einem erheblichen Teil ausgeprägten saisonalen Schwankungen unterliegen. Wie sollen die Allergologen ihre Patienten adäquat versorgen, wenn im Frühsommer bis zu 15 Millionen Heuschnupfler eine symptomatische Behandlung benötigen, das Arzneimittelbudget aber bereits nach kurzer Zeit erschöpft ist?" fragt Wenning. 


Allergien befallen den ganzen Menschen
Hinzu kommt, dass Allergien in der Struktur der Zusatzbezeichnung nicht adäquat untergebracht sind. Denn die beschränkt die Allergologie auf das jeweilige Fachgebiet. Ein HNO-Arzt mit der Zusatzbezeichnung Allergologie darf also eigentlich nur die Allergie an Hals, Nase oder Ohren behandeln und abrechnen. Während der Weiterbildung werden die Ärzte zwar gebietsübergreifend geschult - aber nur, damit sich die Fachärzte untereinander besser verständigen können. Anwenden dürfen sie das Erlernte aus anderen Gebieten später nicht. Allergien sind aber Systemerkrankungen: Ein Patient, der an einer Pollenallergie leidet, hat Symptome an den Augen, der Nase, dem Rachen, an der Lunge und im Magen-Darm-Bereich. Ginge es nach dem ärztlichen Berufsrecht, müsste er also drei bis vier verschiedene Fachärzte aufsuchen, um ausreichende Hilfe zu erhalten. Das ist weder Betroffenen noch Ärzten zuzumuten. Wir haben die Bundesärztekammer immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass diese Konstruktion für die Versorgung der Multiorganerkrankung Allergie ungeeignet ist. Bisher ohne Erfolg", sagt Wenning.


Der Kampf geht weiter
Doch die allergologischen Fachverbände geben nicht auf. Ein Hauptziel ihrer Bemühungen für 2005 ist, dass der Richtlinienentwurf zur Qualitätssicherung als gültige Richtlinie verabschiedet wird, damit dem teuren Wildwuchs und der Scharlatanerie, denen Allergiker vielfach ausgesetzt sind, endlich Einhalt geboten und die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Gebietsärzten und Allergologen verbessert wird - zum Wohle der Patienten", betont Wenning.

Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.


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Dr. Petra von der Lage
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