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28.09.2005 Zweifelhafte Warnung vor NeurodermitisMitteln


Seit dem Jahr 2002 sind neue, kortisonfreie Cremes gegen Neurodermitis in Deutschland auf dem Markt. Die Medikamente mit den Wirkstoffen Tacrolimus und Pimecrolimus haben wegen ihrer guten Wirksamkeit und Verträglichkeit schnell weite Verbreitung gefunden. Deshalb war es ein Schock für viele Neurodermitiker, als die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) im Februar 2005 einen Warnhinweis für die Medikamente herausbrachte. Die Warnung bezieht sich auf ein mögliches Krebsrisiko bei der Verwendung dieser Substanzen.(1) Die FDA räumt ein, dass eine Überprüfung des tatsächlichen Krebsrisikos bis zu zehn Jahre dauern kann und empfiehlt deshalb die Anwendung von Pimecrolimus und Tacrolimus entsprechend der Zulassung: nur, wenn andere Medikamente nicht wirken, erst bei Kindern ab zwei Jahren und nicht als Dauertherapie. Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) verweist auf das noch laufende Risiko-Bewertungsverfahren der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMEA). Bis es abgeschlossen ist, sollen die in der Zulassung vorgegebenen Anwendungsbeschränkungen streng beachtet werden. Über den Abschluss des europäischen Risiko-Bewertungsverfahrens wird das BfArM erneut informieren.(2)
Inzwischen wird die FDA-Warnung von Hautärzten und Allergologen massiv kritisiert. Die Untersuchungen wurden mit Mäusen und in deutlich höherer Dosierung als üblich vorgenommen. Zwar gibt es auch beim Menschen vereinzelte Krebsfälle nach der äußeren Anwendung dieser Substanzen. Die Häufigkeit übersteigt aber nicht die in der Normalbevölkerung", so Professor Dr. Dr. Johannes Ring, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI).

Teufelskreis aus Juckreiz und Entzündung
Neurodermitis, auch als atopisches Ekzem bezeichnet, ist eine Erkrankung der Haut, deren Ursache noch immer nicht vollständig geklärt ist. Es besteht eine genetische Vorbelastung, die wahrscheinlich in Verbindung mit bestimmten Umweltfaktoren, beispielsweise Allergieauslöser, zu einer Fehlsteuerung des Abwehrsystems und einer krankhaften Immunreaktion der Haut führt. Bei den meisten Betroffenen tritt Neurodermitis schon vor dem ersten Lebensjahr als so genannter Milchschorf auf - häufig in Verbindung mit einer Nahrungsmittelallergie auf Kuhmilch oder Hühnerei. Bei immerhin bis zu 56 Prozent bildet sich die Erkrankung aber auch spontan wieder zurück", sagt der Kinderarzt und Allergologe Dr. Frank Friedrichs, Mitglied in der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA) und im Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA). Sonst ist Neurodermitis oft der Beginn einer Allergie-Karriere: Im Kindes und Jugendalter kommt es dann zu Heuschnupfen und später folgt oft noch Asthma."
Typische Symptome für Neurodermitis sind schubartig auftretende Entzündungen der Haut, besonders am Hals und in den Gelenkbeugen. Die betroffenen Stellen sind gerötet, schuppig und haben eine vergröberte Struktur. Die Patienten leiden unter heftigem Juckreiz. Das schränkt die Lebensqualität massiv ein und kann das gesamte Familienleben stark belasten. Der Juckreiz führt oft zu einem Teufelskreis: Die Betroffenen kratzen sich, was die Entzündung der Haut weiter verstärkt. Dadurch nimmt der Juckreiz weiter zu. Kinder sind oft besonders stark betroffen. Viele kratzen sich blutig", so Friedrichs.

Auf die richtige Diagnose und Behandlung kommt es an
Neurodermitis-Patienten sollten einen Facharzt, beispielsweise einen Kinderarzt oder Hautarzt mit allergologischer Zusatzausbildung, aufsuchen. Dieser kann die auslösenden Allergene bestimmen und eine wirksame Langzeittherapie verordnen. Als Basistherapie wird die Haut mit pflegenden und fettenden Cremes behandelt. Im Falle einer akuten Verschlechterung gehören kortisonhaltige Cremes zur Standardtherapie. Moderne Kortisonpräparate haben bei befristeter Anwendung nur wenige Nebenwirkungen. Dennoch stehen die meisten Patienten diesen Medikamenten skeptisch gegenüber und verwenden sie häufig nicht. Kortisonfreie Cremes mit den Wirkstoffen Tacrolimus und Pimecrolimus werden deshalb oft bevorzugt.(3) Ihr Wirkprinzip: Als so genannte topische Immunmodulatoren blockieren sie die Freisetzung von entzündungsauslösenden Botenstoffen der Haut und lindern daher die typischen Symptome wie Rötung, Schuppung und Juckreiz. Der besondere Vorteil der Immunmodulatoren ist, dass sie im Gegensatz zu Kortison auch an besonders empfindlichen Stellen wie dem Gesicht aufgetragen werden können. Eine so genannte Haut-Atrophie - eine Verdünnung der Haut, die bei Langzeitanwendung von Kortison auftreten kann - kommt nicht vor, und die Nebenwirkungen sind insgesamt gering. Die Zeitschrift Ökotest" untersuchte in der Ausgabe 10/2004 die Wirksamkeit von insgesamt 57 Neurodermitis-Medikamenten und bewertete ein Pimecrolimus-Produkt mit sehr gut" und Tacrolimus neben zwei Kortisonpräparaten mit gut". 
Die Anwendung einer spezifischen Immuntherapie (SIT, auch Hyposensibilisierung) bei Neurodermitiskranken wurde lange kontrovers diskutiert. Es gab Befürchtungen, die Behandlung könnte die Neurodermitis verschlechtern. Inzwischen liegen aber neue Studienergebnisse mit molekular definierten Allergen-Präparaten vor, die zeigen, dass diese Angst unbegründet ist. Es deutet sich sogar an, dass sich die Hautbeschwerden durch eine SIT bessern. An Heuschnupfen oder allergischem Asthma leiden etwa 60 Prozent der Neurodermitiker. Bei diesen kann eine SIT als zusätzliche Behandlung erwogen werden.
Die Auswahl der optimalen Behandlung gehört in die Hände eines mit Neurodermitis erfahrenen Facharztes. Hier können alle Vor- und Nachteile der verschiedenen Therapieoptionen ausführlich besprochen werden", betont der Aachener Kinderarzt Friedrichs.

  1. http://www.fda.gov/cder/drug/InfoSheets/HCP/ProtopicHCP.htm und http://www.fda.gov/cder/drug/InfoSheets/HCP/elidelHCP.htm
  2. http://www.bfarm.de/de/Arzneimittel/am_sicher/am_sicher_akt/index.php?more=tacrolimus.php
  3. Friedrichs F: Klare Absage an unseriöse Verheißungen einer Heilung. Pädiatrische Zeitung, März 2005

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