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28.09.2005 Gesundheitsrisiken durch Schimmel in der Wohnung


 

Etwa ein Liter Wasser gelangt bei jeder Dusche in die Raumluft, ein weiterer Liter beim Kochen, und noch einmal 1,5 Liter, wenn die Wäsche trocknet. Zusätzlich verdunstet jeder Mensch pro Tag ein bis 1,5 Liter über seine Haut und Schleimhäute.(1) Ein Dreipersonenhaushalt setzt so täglich bis zu 14 Liter Wasser frei.(2) In Zeiten hermetisch schließender Fenster und Türen bleibt ein großer Teil dieser Flüssigkeit in der Raumluft, wenn man nicht richtig lüftet. Dann kann die relative Luftfeuchtigkeit schnell auf 80 Prozent oder mehr steigen - ideale Bedingungen für das Wachstum von Schimmelpilzen. Und weil wir Stubenhocker die meiste Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen - nämlich durchschnittlich 15,7 Stunden pro Tag(3) - beginnt dann für manche Menschen auch ein langer Leidensweg.Vielfältige GesundheitsgefahrenBewohner pilzbelasteter Räume klagen häufig über Husten, Schnupfen, Bindehautentzündung, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Für einen Teil dieser Beschwerden sind allergische Reaktionen gegen die Sporen der Pilze verantwortlich. Zusätzlich können verschiedene von den Pilzen freigesetzte Giftstoffe Haut und Schleimhäute reizen, auch ohne dass eine Allergie vorliegt. Wer in einem pilzbelasteten Umfeld lebt, entwickelt außerdem häufiger Asthma. Wie eine englische Studie Anfang dieses Jahres ergab, steigt durch Feuchtigkeit und Schimmel in der Wohnung das Erkrankungsrisiko für Kinder um mehr als das Doppelte.(4) Allerdings lassen sich nicht alle beobachteten Fälle von Asthma auf allergische Reaktionen zurückführen. Es scheinen zusätzlich andere, bisher nicht geklärte Faktoren eine Rolle zu spielen.((1)) Indirekt machen Schimmelpilze auch Hausstaubmilbenallergikern zu schaffen. "Hausstaubmilben können sich von Pilzen ernähren und benötigen wie die Schimmelpilze viel Feuchtigkeit. Sie gedeihen deshalb in pilzbefallenen Räumen besonders gut", erläutert Frau Dr. Uta Rabe vom Johanniter-Krankenhaus in Treuenbrietzen, Vorstandsmitglied des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA).Rex, der Schimmelpilz-SpürhundDie häufigsten Pilze in Innenräumen sind Aspergillus, Penicillium und Cladosporium. Oft erkennt man sie sofort - als hässliche blaue, grüne, schwarze oder gelbe Flecken oder an ihrem typisch moderigen Geruch. In weniger eindeutigen Fällen und zur Differenzierung der verschiedenen Pilzarten helfen mikrobiologische Untersuchungen. Hierfür werden zum Beispiel Staubproben oder Proben von einer verdächtigen Wand auf Pilzwachstum untersucht. Weiß man nicht genau, wo der Schimmel eigentlich sitzt, kann eventuell des Menschen bester Freund Hilfe leisten: Speziell ausgebildete Schimmelpilz-Spürhunde sollen selbst gut versteckte Pilzkolonien erschnüffeln können.Bei Verdacht auf Schimmelpilzallergie: zum Facharzt!"Wenn Patienten in den eigenen vier Wänden immer wieder über Schnupfen, Husten und juckende Augen klagen und eine Allergie auf Hausstaubmilben ausgeschlossen wurde, sollte auch an eine Schimmelpilz-bedingte Erkrankung gedacht werden", erläutert die Allergologin Rabe. "Eine Allergie gegen die Pilzsporen kann der allergologisch geschulte Facharzt mithilfe spezieller Tests und einer Blutuntersuchung auf spezifische Antikörper feststellen. Häufig liegt aber keine Allergie vor, sondern die Beschwerden sind Folge einer Schleimhautreizung durch Pilzgifte." Und wie lassen sich Erkrankungen durch Schimmelpilzbefall in der Wohnung behandeln? "Die wichtigste Maßnahme ist die Sanierung der Wohnung oder gar ein Wohnungswechsel", so Rabe. "Leider lassen sich Allergien gegen die typischen Innenraumpilze noch nicht mit einer spezifischen Immuntherapie (SIT) behandeln. Bei der Pilzart Alternaria, die gerne auf Gräsern wächst und Beschwerden meistens im Sommer und im Freien verursacht, ist man da schon einen Schritt weiter. Hier stehen standardisierte Extrakte für eine spezifische Immuntherapie (SIT) zur Verfügung." Bei der SIT, auch Allergie-Impfung genannt, werden den Patienten regelmäßig geringe Dosen der Substanz, auf die sie allergisch reagieren, unter die Haut injiziert. Dadurch gewöhnt sich das Immunsystem an den Allergieauslöser und ruft nach einiger Zeit keine Abwehrreaktion mehr gegen ihn hervor.Sanierung nur nach fachkundiger BeratungSchon mehr als 20 Quadratzentimeter Schimmelpilzbefall in der Wohnung sind nach Angaben des Umweltbundesamtes ein Grund zu handeln. Bei einem Befall von mehr als 50 Quadratzentimeter besteht sogar dringender Handlungsbedarf(2) - wegen der vielfältigen Gesundheitsgefahren auch dann, wenn keine Schimmelpilz-Allergie vorliegt. Vor der Sanierung der Wohnräume sollte dabei auf jeden Fall eine Ursachensuche erfolgen. Oft stecken undichte Rohrleitungen, falsche Isolierungen, Risse im Mauerwerk oder ungenügende Belüftungssysteme hinter der Feuchtigkeitsbildung. Solche Mängel müssen behoben werden, sonst kommt der Schimmel sofort nach seiner Beseitigung zurück. "Die befallenen Flächen einfach mit Fungiziden zu tränken, also mit Mitteln, die die Pilze abtöten, sorgt nicht für eine nachhaltige Wirkung", gibt Diplom-Ingenieur Gunter Hankammer zu bedenken, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes für Schimmelpilzsanierung e.V. (BSS). Die Sanierung sollte allerdings nur nach fachkundiger Beratung erfolgen und bei großflächigem Befall einem Spezialisten vorbehalten bleiben. Anlaufstelle kann hier der BSS sein. Der Verband organisiert die bundeseinheitliche Qualifikation und die Zertifizierung von Sanierungsexperten (Informationen unter www.schimmelpilz.tv).Ist keine zügige Sanierung möglich, empfiehlt das Umweltbundesamt, befallene Stellen übergangsweise mit 70- (trockene Flächen) bzw. 80-prozentigem (nasse Flächen) Alkohol zu reinigen und zu desinfizieren. Wichtig bei der Sanierung: sich selbst schützen. Handschuhe, Mundschutz und Schutzbrille sind unerlässlich. "Der Transport von ausgebautem, belastetem Baumaterial zur Entsorgung darf nicht offen und ungeschützt durch bisher schimmelfreie Bereiche des Gebäudes erfolgen. Sonst werden die Pilze verschleppt. Der hieraus resultierende Schaden ist erfahrungsgemäß erheblich größer, als der Ausgangsschaden, weil sich die Kosten für eine ausgeweitete Sanierung und Desinfektion oft vervielfachen", ergänzt Hankammer. Nach getaner Arbeit sollte man duschen und die Kleidung waschen. Schimmelpilzallergiker, Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen und Abwehrgeschwächte überlassen die Sanierungsarbeiten lieber anderen Personen.Lüften heißt wirklich lüftenAls Nutzer einer Wohnung kann man selber eine Menge tun, damit kein Schimmel entsteht. In erster Linie kommt es auf das richtige Heizen und Lüften an. "Die Luftfeuchtigkeit sollte unter 60 Prozent liegen", so Rabe. Aber Lüften heißt wirklich lüften: Um 13 Liter Wasser aus der Wohnung abzuführen, muss man 3.000 Kubikmeter Luft bewegen. Der Luftinhalt der Wohnung sollte etwa siebenmal täglich komplett ausgetauscht werden! Bewährt hat sich mehrmaliges Stoßlüften von jeweils 5 bis 10 Minuten Dauer.Weitere Tipps gegen den Schimmel:

  • Im Badezimmer nach dem Duschen besonders gut lüften und das Wasser vom Fußboden und von den Wänden wischen.
  • Wenn es im Bad kein Fenster gibt: Sicherstellen, dass eingebaute Lüftungsanlagen richtig funktionieren, eingebaute Filter alle 2-3 Monate auswaschen und einmal jährlich austauschen.
  • Heizung im Bad im Winter nicht abschalten, sonst wird das Bad zu langsam trocken.
  • In der Küche sollte ein Dunstabzug installiert sein, der die Abluft nach draußen leitet.
  • Auf permanentes "Kipplüften" verzichten, weil dadurch die Wandoberflächen oberhalb und seitlich des Fensters stark auskühlen und das Wasser an ihnen kondensiert.
  • Möbel an Außenwänden mit einem Mindestabstand von zehn Zentimetern zur Wand aufstellen.
  • Generell gilt: Unterschiedliche Räume nicht ungleichmäßig beheizen. Wer nachts gerne kühl schläft, sollte das Zimmer tagsüber trotzdem beheizen, damit die Wände nicht übermäßig auskühlen.
  • Kühlere Räume nicht durch das Öffnen der Tür zum Rest der Wohnung heizen. Sonst kondensiert das Wasser aus der warmen Luft an den kalten Zimmerwänden, und die Wand wird nass.
  • Das Schlafzimmer gleich morgens nach dem Aufstehen gut durchlüften.
  • Keine Farben oder Tapeten verwenden, die die Wände luftdicht verschließen.
  • Dicke, raumhohe Vorhänge wirken als Wärmebarrieren. Man sollte sie nicht vor Fenstern, Wänden oder in Bereichen mit schlechter Zirkulation anbringen.
  • Auf Luftbefeuchter verzichten.
  • Wäsche möglichst nicht in der Wohnung trocknen, sondern an der frischen Luft oder auf dem Dachboden.
  • Abfalleimer und Biotonne häufig leeren.
  • Bei Verdacht auf Schimmelpilzbelastung der Wohnung Kontakt mit dem Gesundheitsamt aufnehmen.


  1. Verbraucherzentrale Bayern (www.verbraucherzentrale-bayern.de)
  2. Hilfe! Schimmel im Haus. Ratgeber des Umweltbundesamtes, August 2004.
  3. Brasche S, Bischof W: Int J Hyg Environ Health 2005; 208: 247-53
  4. Jaakkola JJ et al.: Environ Health Perspect 2005; 113: 357-61
  5. Stiefelhagen P: MMW 2004; 20: 4-6

Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.Für weitere Informationen steht Ihnen zur Verfügung:Pressekontakt ÄDA / DGAIDr. Petra von der LageBodelschwinghstraße 1722337 HamburgTel.: 0 40 / 50 71 13 30Fax: 0 40 / 59 18 45

 


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