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30.11.2006 Hyposensibilisierung auf einen Blick


Die spezifische Immuntherapie (SIT), auch als Hyposensibilisierung oder Allergie-Impfung bekannt, ist die derzeit einzige ursächliche Behandlungsmethode gegen eine Allergie auf Insektenstiche und Atemwegsallergien aufgrund von Pollen, Milben, Tierhaare oder Schimmelpilzen.(1) Seit Entdeckung dieser Therapie vor etwa 100 Jahren sind insbesondere in den letzten Jahren eine Vielzahl von Variationen dieser Behandlungsform entwickelt worden. Unterschiede gibt es in der Darreichungsform, Häufigkeit der Gabe und Dauer der Behandlung. Die Wirkung der SIT ist inzwischen gut dokumentiert. "Eine spezifische Immuntherapie führt bei Menschen mit Heuschnupfen zu einer deutlichen und lang anhaltenden Linderung der Beschwerden und kann vor Asthma schützen", erläutert Professor Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI). Dennoch wird die SIT immer noch viel zu selten eingesetzt.(2) Dabei handelt es sich hierbei um die einzige kausale, also ursächliche Therapie bei Allergien. Die Wirksamkeit ist gut belegt. Die Erfolgsquoten liegen zwischen 80 und 90 Prozent, bei Insektengift-Allergien bei nahezu 100 Prozent. Voraussetzungen für die erfolgreiche Behandlung sind ein ausführliches Arztgespräch, eine gründliche Diagnostik und eine individuelle Therapie, möglichst durch einen allergologisch erfahrenen Arzt.

95 Jahre Forschung ­ Durchbruch in den letzten Jahren
Die allergen-spezifische Immuntherapie (SIT) wurde erstmals 1911 von Noon in der Fachzeitschrift "The Lancet" vorgestellt.(3) Aber noch in den späten 70er Jahren beklagten die Wissenschaftler Jäger und Wenz, dass viele Probleme der Hyposensibilisierung immer noch nicht gelöst seien: "Die Standardisierung von Allergenen, die Optimierung der Dosis und die Auswahl eines geeigneten Applikationsintervalls sind Fragen, die in nächster Zukunft gelöst werden sollten."(4) Zum derzeitigen Wissen über die Wirkungsweise der SIT erläutert Professor Ludger Klimek, Leiter des Allergiezentrums Wiesbaden und Vorstandsmitglied im Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA): "Nach heutiger Vorstellung führt eine spezifische Immuntherapie zu einer Toleranzinduktion und Umorientierung der Produktion von Botenstoffen, den so genannten Zytokinen. Das bei der allergischen Reaktion dominierende Zytokinmuster bestimmter weißer Blutkörperchen wird zugunsten anderer zurückgedrängt. Gleichzeitig werden regulatorische T-Zellen aktiviert. Das entspricht eher einer physiologischen Reaktion des Immunsystems."

Spezifische Immuntherapie macht das Immunsystem tolerant
Die "klassische" SIT ist die derzeitig noch am häufigsten verwendete Form der Immuntherapie. Sie wirkt effektiv und zuverlässig gegen allergischen Schnupfen und allergisches Asthma aufgrund von Pollen, Hausstaubmilben und Tierhaaren(5), aber auch gegen Insektengift-Allergien. Dabei wird ein Allergen-Präparat zunächst wöchentlich in aufsteigender Dosierung unter die Haut gespritzt (Aufsättigungsdosis). Anschließend wird über einen Zeitraum von drei Jahren etwa alle vier bis sechs Wochen eine Erhaltungsdosis injiziert. Die Therapie konfrontiert das Immunsystem des Betroffenen immer wieder mit dem Allergen (Allergieauslöser) und macht es so dagegen unempfindlich (Toleranzentwicklung).
Bei der Cluster-Immuntherapie wird die zeitaufwändige Dosissteigerungsphase erheblich verkürzt. Die Betroffenen erhalten mehrmals täglich Allergen-Depot-Präparate und erreichen so die Erhaltungsdosis innerhalb weniger Tage. "Mit der Cluster-SIT treten nicht mehr Nebenwirkungen auf als bei der herkömmlichen Dosissteigerung. Für die Patienten bedeutet diese Therapie einen erheblichen Zeitgewinn", so Professor Klimek.
Eine weitere Alternative ist die so genannte Kurzzeit-Immuntherapie. Diese Methode der Schnell-Hyposensibilisierung wird vor der Pollen-Saison mit insgesamt vier oder sieben Injektionen im Abstand von etwa einer Woche durchgeführt.
Eine andere Variante stellt die sublinguale Immuntherapie (SLIT) dar. Hier werden die Allergene täglich in Tropfenform unter die Zunge geträufelt und dort einige Zeit behalten.

Neue Anwendungsformen in der Entwicklung
Bis zum Ende des Jahres soll auch eine Tabletten-Immuntherapie in Form einer schnell löslichen Allergentablette zur Verfügung stehen. Die Tablette löst sich sekundenschnell auf, so dass ein vorschnelles Verschlucken vermieden wird. Die SIT in Form von Tabletten erfordert nicht den regelmäßigen Gang zum Arzt. Der Patient wendet die Mittel einfach zuhause an. Es wird damit gerechnet, dass einfach anzuwendende Neuentwicklungen wie die Tabletten-Immuntherapie eine breitere Anwendung der kausalen Allergiebehandlung ermöglichen. Derzeit erhalten noch viel zu wenige Menschen mit Heuschnupfen eine SIT.

Therapieversagen ist nicht gleich Unwirksamkeit
Wenn die spezifische Immuntherapie anscheinend nicht wirkt, kann das einen einfachen Grund haben: Nicht nur Blütenpollen, sondern auch Sporen von Schimmelpilzen können allergieauslösend sein. So hat Uta Rabe, Allergologin und Leitende Ärztin im Johanniter-Krankenhaus Treuenbrietzen, über 1.000 Menschen mit Heuschnupfen und Asthma auf eine Allergie gegen den Schimmelpilz Alternaria untersucht. Die Schimmelpilz-Allergie konnte bei etwa fünf Prozent der Untersuchten nachgewiesen werden. "Treten nach einer Hyposensibilisierung immer noch starke Beschwerden auf, sollte an eine Schimmelpilz-Allergie gedacht werden. Gerade im Sommer, also während der Pollensaison, fliegen auch die Schimmelpilz-Sporen. Diese werden bei der Diagnostik allergischer Erkrankungen, aber auch bei den Pollenflugvorhersagen kaum berücksichtigt", so Rabe. Auch bei Allergien auf den Schimmelpilz Alternaria kann eine SIT mit standardisierten Allergenen durchgeführt werden. 

Allergene, Allergoide und andere
Für die spezifische Immuntherapie werden gereinigte Allergene aus natürlichem Material verwendet. Heute gelingt es mit Hilfe aufwendiger immunologischer Verfahren, eine Standardisierung der Präparate von hoher Qualität und Wirksamkeit zu gewährleisten. Standardisierte Allergene gibt es seit etwa 25 Jahren. Es werden aber auch modifizierte Allergene für die SIT verwendet: so genannte Allergoide. Dabei handelt es sich um Allergene, bei denen die Eiweißstruktur chemisch verändert wurde.
Rekombinante Allergene sind biotechnologisch hergestellte, exakt definierbare Allergene, die bisher nur in der Diagnostik routinemäßig eingesetzt werden.

  1. Kleine Tebbe J et al.: Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen. Leitlinie der DGAKI, des ÄDA und der GPA. Allergo Journal 2006; 15: 56-74
  2. Bousquet J, Lockey RF, Malling, HJ. Allergen Immunotherapy: therapeutic vaccines for allergic diseases. WHO position paper. Allergy 1998;53:1-42
  3. Noon L. Prophylactic inoculation against hayfever, The Lancet 1911; 1:1572.
  4. Jäger L, Wenz W. Situation and trends of hyposensitisation treatment. Allerg Immunol (Leipz.) 1979;25(1):10-24
  5. Bousquet J, Van Cauwenberge P, Khaltaev N; Aria Workshop Group; World Health Organization. Allergic rhinitis and its impact on asthma. J Allergy Clin Immunol. 2001 Nov;108(5 Suppl):S147-334.

Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.Für weitere Informationen steht Ihnen zur Verfügung:Pressekontakt ÄDA / DGAKI / GPADr. Petra von der LageBodelschwinghstraße 1722337 HamburgTel.: 0 40 / 50 71 13 44Fax: 0 40 / 59 18 45E-Mail: vonderlage@mastermedia.de

 


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